Ein kleiner grüner Papagei liegt sterbend auf dem Bürgersteig. Das ist mitten in der Stadt ein unerwarteter Anblick. Einige Menschen sind stehengeblieben. Zwei Kinder haben sich hingehockt und gucken stumm. Der kleine grüne Papagei liegt auf dem Rücken, sein Herz bebt. Man kann von außen nicht sehen, was ihn niedergestreckt hat. Aber man kann sehen, wie traurig es ist, auf einem belebten Bürgersteig zu sterben.
Im Publikum halten sich die Waage: Mitleid, Gleichmut - die Kinder sollen das Tier aber auf keinen Fall anfassen -, der erfreuliche Eindruck, noch ein wenig Zeit zu haben und ohne Aufwand etwas Außergewöhnliches zu erleben. Auch wenn es in dieser Stadt eine Anzahl akklimatisierter kleiner grüner Papageien gibt, sterben sie darum gewöhnlich noch lange nicht auf offener Straße.
Ein Typ macht im Vorübergehen gleich mal ein Foto mit seinem Handy. Der kleine grüne Papagei am Boden, die Leutchen um ihn her, wer weiß, wozu es gut ist, denkt er vielleicht. Es ist aber zu überhaupt nichts gut. Vielmehr handelt es sich um den zweitblödesten persönlich erlebten Fotohandyeinsatz.
Der Blödeste spielte sich in der Oper ab. Eine Inszenierung begann damit, dass einer der Solisten im Publikum sitzend "zusammenbrach". Es wurde um Hilfe gerufen, Menschen sprangen von ihren Sitzen auf - ein fast unfairer Regiecoup, weil der ehrliche Schrecken der Zuschauer ja wirkungsvoll Teil des Szenarios wurde. Im Getümmel jedenfalls zog die Sitznachbarin ihr Handy hervor - ihr nicht ausgeschaltetes Handy! - und hielt auf den Schwächelnden und seine Helfer. Man weiß nie, was noch passiert, dachte die Frau vielleicht. Es passierte aber weiter rein gar nichts.
Die Zeugen des echten Sterbens des kleinen grünen Papageis und des Dramas in Reihe 10 hätten ohne die übereifrigen Fotohandybenutzer ein höheres Durchschnittsniveau halten können. Zu allem Überfluss glaubten die Handybenutzer anscheinend, es sei angemessen, besonders schlampig zu fotografieren.
Wer es aber gesehen hat, das pochende Vogelherz am Steinboden und den röchelnden Sänger im Parkett, vergisst es ohnehin nicht. Wer es nicht gesehen hat, sieht dafür etwas anderes.