Was ist denn in den VS gefahren? Morgen wird der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, gestern hat der Verband deutscher Schriftsteller noch schnell eine "Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums" veröffentlicht. Unterzeichner sind unter anderem Günter Grass, Günter Kunert, Vorjahrespreisträgerin Sybille Lewitscharoff, Erich Loest, Friedrich Schorlemmer und Christa Wolf. In der Erklärung heißt es: "Wenn ein Plagiat als preiswürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb."
Eigentlich dachte man, dass Helene Hegemann mit ihrem Roman "Axolotl Roadkill" den Preis ohnehin nicht mehr bekommen kann. Es wäre zwar eine mutige Entscheidung, aber Jurys sind meistens nicht mutig. Und die Jury-Entscheidung, den Preis an einen Roman zu vergeben, der unter Plagiatsverdacht steht, würde nun mal sehr viel Mut erfordern. Die "Leipziger Erklärung" nennt Hegemann an keiner Stelle explizit, bezieht sich aber offenkundig nur auf sie. Da muss man fast davon ausgehen, dass Hegemann den Preis morgen bekommen wird. Im VS herrscht ganz offenbar Alarmstufe Rot, und man versucht, mit der Erklärung das Ruder im letzten Moment rumzureißen. Die Erklärung gipfelt in einem Aufruf: "Der Verband deutscher Schriftsteller fordert alle Beteiligten im Literaturbetrieb - insbesondere Verlage, Lektoren, Literaturkritiker, Juroren - auf, geistigen Diebstahl eindeutig zu verurteilen."
War das nicht ohnehin klar? Daran, dass geistiger Diebstahl verurteilt werden muss, kann es nun gar keinen Zweifel geben. Danke nochmal für den Hinweis, lieber VS. Ja, geistiger Diebstahl ist nicht preis-, sondern strafwürdig. Die Frage ist nur, ob Hegemann nun plagiiert hat oder nicht, und diese Frage ist trotz der mit enormem Aufwand geführten Debatte bis heute ungeklärt. Dass die Leipziger Unterzeichner aber wie selbstverständlich davon ausgehen, spricht dafür, dass ihre Stellungnahme nicht mit Sorgfalt, sondern mit sehr heißer Feder verfasst worden ist.