Ich glaube, wenn der Staat heute sagt, dieses darf nicht mehr geschrieben werden, dann sagt er morgen, jenes darf nicht mehr geschrieben werden. Ich habe Angst vor einer Gesellschaft, in der irgendeine Gruppe uns vorschreiben kann, was wir lesen dürfen, was wir schreiben und denken dürfen. Bei Gewaltpornographie wird mir schlecht. Ich habe mich oft geweigert, meine Arbeit in Illustrierten veröffentlichen zu lassen, die ich persönlich widerlich finde. Das ist die einzige redliche Art, so was zu bekämpfen - man muss seine Missbilligung ökonomisch zeigen, durch Boykott. Wenn man versucht, so was über die Gesetzgebung zu regeln, wer soll da entscheiden, was akzeptabel ist?
Natürlich gibt es Grenzen. Ich persönlich ziehe die Grenze beim Verhalten. Wenn man sie bei den Phantasien zieht... genauer gesagt, bei der Auslegung von Phantasien, öffnet man der sozialen und politischen Unterdrückung Tür und Tor. Das erinnert mich zu sehr an die Gesetze, die darauf abzielten, was einer ist - ob Schwarzer, Jude, Homosexueller oder was - und nicht darauf, was er tut. Ich glaube nicht, dass man abweichendes Sexualverhalten dadurch in den Griff bekommt, dass man die Bilder unterdrückt. Menschliche Bestialität gab es schließlich schon, bevor die Fotografie erfunden war. Sexuelle Gewalttaten gab es doch schon, bevor es Zeichnungen gab, bevor der Mensch anfing, Bilder in Höhlenwände zu ritzen.
Wer sagt, ich habe in puncto Kindesmissbrauch "übertrieben", der lügt. Als mein erstes Buch herauskam, war ich in England, und da hat ein "Kritiker" - einer von diesen Widerlingen, die Überheblichkeit mit Intelligenz verwechseln - geschrieben: "Ich möchte so was einfach nicht lesen, es ist so schrecklich. Der Autor hat eine grauenhafte, eine kranke Phantasie." Als ich ein paar Jahre später wieder nach England kam, berichteten sämtliche Zeitungen auf ihren Titelseiten über Jason Swift, einen kleinen Jungen, der bei laufender Videokamera von Pädophilen vergewaltigt worden war und dabei umgekommen ist.
Andrew Vachss ist Thrillerautor und Rechtsanwalt. Der Text ist seinem Gespräch "Über das Böse" (Eichborn Verlag) mit Claus Leggewie entnommen.