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Times Mager: Die Enkel

Dass Walther, der arme Künstler, hätte nur allzugern das Haus verkauft, um endlich Geld zu haben. Wäre es nicht das von Goethe höchstpersönlich - und Walther sein Nachfahre.

Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Erst an diesem Wochenende vor 125 Jahren wurde in Weimar die Goethe-Gesellschaft gegründet, kurz darauf folgte das Goethe-Nationalmuseum. Denn im April des Jahres war der letzte Enkel Goethes gestorben, Walther. Er hatte das Großherzogtum Sachsen zum Erben gemacht. Die Entscheidung, den Nachlass inklusive Immobilien zusammenzuhalten und zu veröffentlichen, fand und findet mehr Verständnis als die Tatsache, dass Walther und seine damals noch lebenden Geschwister nach Großvaters Tod 1832 die Türen des Hauses am Frauenplan fest verschlossen hatten. Viele Leute fanden das sonderlich und ungezogen, und auch Agenturen, die jetzt die Ereignisse des Jahres 1885 würdigen, sprechen vom "Ende einer seltsamen Zeit".

Dagmar von Gersdorff schildert derweil in ihrem aufschlussreichen Buch "Goethes Enkel" (inzwischen auch als Insel-Taschenbuch), wie es damals war. Dass Walther, der arme Künstler, allzugern das Haus verkauft hätte, um endlich Geld zu haben, "Geld, um einfach und gemütlich in meinem lieben Wien leben zu können ...". Bruder Wolfgang aber wollte nicht, und Walther gab nach: "Etwas gegen Dein Gefühl zu tun, lieber Wolf, würde mir immer sehr schmerzlich sein ...". Typisch indes die Lesart der offiziellen Vertreter, die immer mehr Geld boten: Die Söhne, hieß es, stemmten sich "in knabenhaftem Hochmut" und wegen der "übertriebenen sentimentalen Anhänglichkeit an die von dem verewigten Großvater bewohnten Räume" gegen den Verkauf. Dabei blieb es. "Wenn Deine Seufzer daran kleben", so Walther an Wolf, nütze ihm die höchste Summe nichts.

Was aber gibt es Rührenderes, als sich vorzustellen, wie die letzten, so glücklosen Nachkommen Goethes hier kein Kassenhäuschen einrichten wollten? Was gibt es Schöneres, als zu sehen, dass das Private für 50 Jahre den Sieg über den öffentlichen Bedarf davontrug? Früh genug nahm die Nachwelt das Haus in Besitz. Staunend registrierte man nun, dass die Tinte im Goetheschen Fässlein eingetrocknet war und die Gänsefeder feststeckte.

Im Übrigen hat Goethe - auch hierin ein Siegertyp - immer dadurch gewonnen, dass er ein so guter Großvater war.

Datum:  19 | 6 | 2010
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