kalaydo.de Anzeigen

Times Mager: Dr.

Jetzt regen alle sich auf, dass mit Doktorarbeiten Schindluder getrieben wird, nur weil ein paar Professoren läppische Arbeiten durchgewunken haben. Dabei ist das ein alter Hut. Von Ina Hartwig

Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Jetzt regen sie sich darüber auf, dass mit Doktorarbeiten Schindluder getrieben wird, nur weil ein paar Professoren läppische Arbeiten durchgewunken haben. Dabei ist das ein alter Hut, leider eben kein Doktorhut.

Die Deutschen - über die Gründe mag sich die Soziologie den Kopf zerbrechen - haben wohl ein etwas verspanntes Verhältnis zur Titelei; andererseits geraten Amerikaner ebenfalls aus dem Häuschen, wenn einer (oder eine) einen hat. "Doktor sein oder Nichtsein" titelte wiederum polemisch Le Monde, als die Kulturrepublik Deutschland sich allen Ernstes über die Rechtmäßigkeit eines prominenten Doktortitelträgers den Mund zerriss.

Die Franzosen haben es nicht nötig, mit dem Titel zu wedeln; das stand hinter der Polemik, und Recht haben sie: Denn in der Pariser Feudaldemokratie laufen die Distinktionsspielchen tatsächlich anders. Also gut, der Deutsche schmückt sich gern mit einem Titel, und wer es nicht mit etwas Labor, etwas Statistik und ein paar Seiten Text hinbekommt (wie die Mediziner); wer sich nicht jahrelang in ein philologisches oder philosophisches Problem verbohren will - erfahrungsgemäß stellt diese Gruppe unter den Doktoranden immer noch die Mehrheit -, der kauft sich einen.

In Berlin kannte ich einen, der hatte keinen; ein Studienstiftler, ein Hochbegabter, dem alles leicht fiel, außer: seine eigene Dissertation zu Papier zu bringen.

Statt dessen schrieb er gegen Geld für andere Doktorarbeiten am Fließband; Sportwissenschaft? Philosophie? Anglistik? Kein Problem. 10 000 DM war sein Satz, insgesamt dürfte er an die 20 solcher Arbeiten verfasst haben. Ein Problem gab es aber doch, ein faszinierendes: Die Disputation.

Da nämlich musste der falsche Doktorand jene Arbeit mündlich verteidigen, die er gar nicht geschrieben hatte. Wie das ging? Nun, jener begnadete Auftragsschreiber bot - wieder gegen ein Honorar - rhetorische Schulung an. Vulgo: Er übte mit den Kandidaten, ihre von ihm geschriebene Doktorarbeit vor einer Prüfungskommission als ihre eigene zu verkaufen. Das ging immer gut.

Der einzige Unterschied zu den heute beklagten Fällen: Die Profs wussten nicht, welches Spiel gespielt wurde. Oder doch?

Datum:  25 | 8 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken