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Ob reale Tiere oder irreale Comicfiguren: Das Maskottchen wirft bei Sportereignissen zwei große Fragen auf. 1. Wozu braucht der Mensch Maskottchen? 2. Wozu brauchen die Maskottchen Menschen? Von Hans-Jürgen Linke

Hans-Jürgen Linke ist Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Rundschau.
Hans-Jürgen Linke ist Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Zwei große Fragen stehen bei Sportereignissen oft im Raum, beide drehen sich um den gleichen Gegenstand: das Maskottchen. Maskottchen sind entweder reale Tiere wie der Kölner Ziegenbock oder der Frankfurter Adler Attila - oder sie sind irreale Stofftiere oder Comicfiguren. In denen stecken dann selbstredend echte Menschen, Studenten etwa, die für ein paar Euro ins Fell des Maskottchens schlüpfen, um ihm eine Art Leben zu verleihen.

Und hier die zwei Fragen: Wozu braucht der Mensch Maskottchen? Und: Wozu brauchen Maskottchen den Menschen?

Frage eins ist schwierig genug. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist vielgestaltig und meist nicht von großem Verständnis geprägt; oft verhält sich der Mensch ausbeuterisch, manchmal hegend, schützend, freundschaftlich, viel häufiger ignorant und arrogant. Auf das Verhältnis des Menschen zum Maskottchentier treffen alle diese Merkmale abwechselnd zu.

Das Maskottchen ist, obwohl zum Beispiel Ziege, weder ein Nutz- noch sonst ein Haustier. Es ist eher mythisch als real und stammt möglicherweise von heraldischen Fabelwesen - Löwe, Drachen - ab oder vom heidnischen Opfertier. Es soll keine Milch geben, sondern Stärke verleihen für den Sieg über den Gegner, soll List, Schnelligkeit, Kraft repräsentieren oder dem Menschen das Gefühl vermitteln, er sei zu Hause. Was er laut Ernst Bloch im Regelfall ja nicht ist. Das Maskottchen wäre dann eine Art transzendentes, wenn nicht transzendentales Haustier.

Noch schwieriger liegt die Sache bei den Plüsch- und Comic-Figuren. Die Sphäre des Irrealen, der sie angehören, ist eine Zwischenwelt zwischen Öffentlichkeit, Kindergeburtstag und heidnischen Riten, über die sich keine realistischen Aussagen treffen lassen. Kindschemata sollen Sympathie wecken, dafür werden sie gebraucht. Aber brauchen diese Maskottchen den Menschen? Und wie.

Sie würden ohne uns nicht existieren, weil es ihr Biotop, die irreale Zwischenwelt, ohne uns nicht gäbe. Nur wenn die Maskottchen Menschen umarmen und niederringen, gewinnen sie plötzlich eine eigene Existenz. Ganz kurz sind wir geneigt, sie für echte Lebewesen zu halten.

Datum:  21 | 8 | 2009
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