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Times Mager: Einmischen

Darf ich bitte den freien Platz einnehmen?", fragt eine ältere Frau in der S-Bahn einen jungen Mann, der auf einem Notebook schreibt. "Wie klein soll ich mich noch machen?", blafft er zurück. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Darf ich bitte den freien Platz einnehmen?", fragte eine ältere Frau in der Berliner S-Bahn einen jungen Mann, der beflissen auf die Tastatur eines auf seinen Knien befindlichen Notebooks eintippte. "Wie klein soll ich mich denn noch machen?", blaffte er sie daraufhin an, spürbar unwillig, für das Platzbegehren der Frau seinen Computer zuzuklappen. Als ein weiterer Fahrgast der Frau verbal zur Seite sprang, keifte der Notebook-Mann in erregter Tonlage zurück: "Was mischen Sie sich denn da ein?" Gute Frage.

Seit der brutalen Ermordung von Dominik Brunner auf dem S-Bahnhof von Solln stellt sich die Alternative nach Hinnehmen oder Intervenieren ganz neu. Die Szene in der Berliner S-Bahn war weit davon entfernt, in einen unkontrollierten Gewaltexzess auszuarten. Allenfalls konnte von einer gewissen Gereiztheit die Rede sein, die die Kommunikation einander nicht bekannter Personen im öffentlichen Raum ausgelöst hatte. Zwei individuelle Bedürfnisse waren sich im Personennahverkehr zu nahe gekommen: in Ruhe arbeiten zu können und einfach bloß zu sitzen. Wenn Dritte dazu ungefragt ihre Meinung äußern, kann es schnell Ärger geben.

Es geht dabei um nicht weniger als die Nutzung und Bedeutung des öffentlichen Raums. Wurde er von der Frau als Durchgangspassage mit einer legitimen Form des Gebrauchs - hinsetzen - aufgefasst, fühlte sich der Notebook-Mann bereits im Areal seiner Selbstverwirklichung gestört.

Rücksicht, Demut und Verzicht sind zu altmodische Begriffe, um ernsthaft etwas gegen die unablässigen Kämpfe um Selbstbehauptung auf den Fahrten von hier nach dort auszurichten. Rechte zu haben, kollidiert immer häufiger mit dem unausgesprochenen Imperativ, sich nichts bieten zu lassen. Der Gewaltexzess von Solln hat einmal mehr deutlich gemacht, wie begrenzt das Gewaltmonopol des Staates und wie dünn der Firnis zivilisatorischer Begegnungsformen ist. Das Geschehen von Solln war zu extrem, um daraus normative Regeln für bürgerliches Einmischen abzuleiten. Was indes alle angeht, ist die Zerstörung der öffentlichen Sphäre. Sie findet nicht erst statt, wenn geprügelt wird.

Datum:  22 | 9 | 2009
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