Am Samstag und Sonntag gegen 13.10 Uhr haben wieder deutsche Soldaten versucht, den Premierminister zu entführen. Es gelang aber, die Angreifer zu überwältigen. Ort der Vorfälle war die historische Severn-Valley-Bahnlinie in Shropshire und Worcestershire. Zweiter-Weltkrieg-Spielen gehört zu den skurrileren englischen Freizeitbeschäftigungen für die ganze Familie. Der Spaß basiert darauf, sich nach der Mode der 40er Jahre zu verkleiden (sieh an, es gab in den 40er Jahren eine Mode!), alte Lieder zu singen, Gasmasken bereitzuhalten und an der Imbissbude so zu tun, als sei das Essen rationiert. Toller Spaß.
Möglicherweise, informiert die Internetseite www.svr.co.uk, werden deutsche Soldaten Passkontrollen durchführen, jeder sollte seine Papiere dabeihaben. Banderolen auf der Homepage sagen an, dass das Rauchen auf den Bahnhöfen verboten ist und dass sorgloses Gerede Leben kosten kann. Ersteres ist unsere Gegenwart, wie sie leibt und lebt. Zweiteres war eine Kampagne, die einst britische Soldaten zum Beispiel vor den Umgarnungen von Damen wie Mata Hari warnte. Am Sonntag um 16 Uhr wurde der Union Jack gehisst, der toten Soldaten gedacht, und eine Trompete blies "Last Poste" dazu.
Wie man leicht sehen kann, kommt hier einiges zusammen: Ein seltsames Hobby. Eine Aufpeppung der Ereignisse (deutsche Invasoren auf der Insel), um es - noch spannender zu machen. Der obskure Reiz eines Ausnahmezustands. Die englische Kollektiverinnerung daran, dass der Zweite Weltkrieg zwar schlimm, aber auch eine Zeit der Bewährung und des Zusammenhalts war. Aus der Ferne ist es schrecklich naheliegend, den bunten Mix in einen Zusammenhang zu bringen mit dem engagierten britischen Irak-Einsatz. Vor Ort handelt es sich lediglich um einen bunten Mix aus Veteranen, Ausflüglern und Durchgeknallten.
Die Veranstalter des Wochenendes auf der Severn Valley Railway hielten es diesmal allerdings für angemessen, SS- und Hitler-Kostüme strikt zu verbieten. Einer der Organisatoren räumte zwar ein, dass die meisten Besucher ohnehin nicht wüssten, wie eine SS-Uniform aussehe. Man wolle aber die Gefühle der Veteranen nicht verletzen. Lassen wir es dabei bewenden, schon ist es ja wieder vorbei.