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Times Mager: Getümmel

Dies ist nicht der Ort, klüger als alle anderen zu tun. Wo kämen wir da hin! Stürzen wir uns lieber vollkommen distanzlos ins Getümmel und nehmen mit, was wir kriegen können. Von Christian Schlüter

Christian Schlüter ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Christian Schlüter ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Dies ist nicht der Ort, klüger als alle anderen zu tun, wahrlich nicht. Wo kämen wir da hin! Stürzen wir uns lieber vollkommen distanzlos ins Getümmel und nehmen mit, was wir kriegen können. Wie wäre es mit ein wenig Schnäppchenjagd auf dem Debattenboulevard?

Da war schon einiges los in den letzten Monaten, und geht immer so weiter. Seit dem sich etwa die Schweizer in einem Plebiszit gegen die Errichtung von weiteren Minaretten ausgesprochen haben, tobt auch im restlichen Europa und also auch in Deutschland eine Abwehrschlacht gegen die islamische Bedrohung: In direkter Verlängerung des dänischen Karikaturenstreits haben sich verbale Schlägertrupps erneut versammelt und machen nun als "Islamkritiker" ohne Furcht und Tadel dem Abendland alle Ehre.

Intellektuell ist dieser Lärm zwar kaum satisfaktionsfähig zu nennen, sondern besteht zumeist aus fehlschlüssigen, erfahrungsfreien und ansonsten Menschen anderen Glaubens beleidigenden Verbalinjurien. Aber sinnvoll ist das alles schon. Genauso wie übrigens auch der Dauerlärm von Guido Westerwelle im Anschluss an ein Verfassungsgerichtsurteil zur Hartz-IV-Gesetzgebung. Der FDP-Vorsitzende zürnte gegen die Illusion "anstrengungslosen Wohlstands" und sprach, wie im letzten Jahr schon der debattenpartykellnernde Philosoph Peter Sloterdijk, eine beherzte Fatwa gegen alle stinkfaulen Menschen aus.

Lassen wir es kurz bei den zwei Beispielen, das Prinzip sollte soweit klar sein: Dass unser europäisches, ja unser deutsches Glück von brutalen Terrormuslimen und übelriechenden Hartz-IV-Empfängern untergraben wird, formuliert eigentlich nur Ausschlusskriterien in den Verteilungskämpfen um knapper werdende Ressourcen - diese Menschen sollen draußen bleiben und nix abbekommen. Dabei haben wir ganz andere Probleme: Unsere Soldaten töten weiterhin Menschen in Afghanistan, Boni-Banker ruinieren immer noch unsere Volkswirtschaften (zur Zeit Griechenland), 18 Millionen Menschen sterben weltweit pro Jahr an der von uns Reichen verursachten Armut.

Ach nö jetzt, so genau wollten wir das gar nicht wissen. Dann doch lieber Debattenboulevard.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  3 | 3 | 2010
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