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Times Mager: Glaubenskraft

Irrtum, Lüge: alles im Namen Gottes? Ist der Glaube nur ein Produkt unserer Einbildung? Von Christian Schlüter

Christian Schlüter ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Christian Schlüter ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Das Verhältnis zwischen Glaube und Einbildung scheint klar: Während ersteres, dem gewöhnlichen Sprachgebrauch folgend, im Gegensatz zum Irrtum steht, wohnt zweiterem der Irrtum bereits inne. Der Glaube beschreibt ein emphatisches Wahrheitsverhältnis, die Einbildung ist allenfalls ein Für-wahr-Halten. Der Glaube ist wahr in dem präzien Sinne, dass das, woran wir glauben, von existenzieller Bedeutung für uns ist.

Nun ist die letzten 200 bis 300 Jahre der Glaube - insbesondere der an Gott - ganz erheblich in Misskredit geraten, vielen Menschen gilt er heute nicht nur als Irrtum, sondern als gefährliche Irreführung. Ist der Glaube also nur ein Produkt unserer Einbildung, eine Lüge? Tun wir einmal so, als sei dies wahr

Soeben erreicht uns diese Nachricht: Mit einem Fernsehbericht über eine angebliche russische Militärinvasion hat der georgische Privatsender Imedi eine Massenpanik ausgelöst, gezeigt wurden Fernsehbilder von Panzern im Anmarsch auf Tiflis und Bomben werfenden Militärjets. In der Folge brach das georgische Handynetz zusammen, die Menschen stürmten Lebensmittelgeschäfte, es kam zu zahllosen Ohnmachten und Herzinfarkten.

Die Menschen "glaubten" den Fernsehbildern, aber ist dieser Glaube schon religiös zu nennen? Ein anderes Beispiel: In den USA, in einer texanischen Kleinstadt, wurde unlängst ein Schmuckladen überfallen, ein maskierter Mann stürmte mit vorgehaltener Pistole das Geschäft und forderte von der Besitzerin alles Geld. Die Texanerin aber, so hielt es die Überwachungskamera fest, zeigte sich unbeeindruckt, erhob die Stimme und wiederholte gebetsmühlenartig: "In the name of Jesus Christ I command you to leave this place!" Der vollkommen überforderte Räuber ließ alsbald die Arme hängen. Entnervt von der streng gläubigen, resoluten Frau suchte er das Weite.

War es nur eine Lüge, die hier so segensreich ihre Wirkung entfalten konnte? Floh der Räuber vor einer Illusion? Gab bloße Einbildung seine todbringende Waffe der Lächerlichkeit preis? Was in Georgien in die Irre führte, erwies sich in Texas als Epiphanie einer gar mächtigen Wahrheit.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  15 | 3 | 2010
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