Zu den spannendsten und aufschlussreichsten Erlebnissen im Vereinigten Königreich zählt nach wie vor die Fahrt mit der Londoner U-Bahn. Von der Schweinegrippe, die in England bereits weitaus weitere Verbreitung gefunden hat als auf dem Kontinent, scheint hier niemand Notiz zu nehmen. Mundschutz trägt kein Mensch, und es wird nach wie vor genießt. Gern auch neben der Anzeige, die in jedem Waggon hängt und auf der eine Nase Tausende offensichtlich infizierter Wassertröpfchen in die Luft bläst. Catch it, bin it, kill it, wirbt die Anzeige für mehr Hygiene, fang die Tröpfchen ein, wirf sie weg und töte sie, indem du dir die Hände wäschst, steht daneben.
Auf dem Modesektor ist nichts Neues zu berichten, außer dass manche Hose noch etwas näher an die Kniekehle gerutscht ist. Erstaunlicherweise wird der fcuk-Schriftzug von French-Connection, der nun auch schon zehn Jahre alt sein dürfte, immer noch gerne getragen. Er ist aber auch zu schön und wirkt nach wie vor mindestens so irritierend wie die niesenden Nasen.
Überraschend dagegen wirkt auf den ersten Blick die Menge der Zeitungsleser, sieben bis acht von zehn Fahrgästen lesen abends bei der Fahrt nach Hause nach einer groben Schätzung Zeitung. Medienkrise? Davon dürfte aber nur etwa einer für sein Exemplar bezahlt haben. Alle anderen stecken ihre Nase tief in The London Paper oder London Lite, die beiden Gratiszeitungen, die sich seit drei Jahren einen kleinen Medienkrieg in London liefern. Am Endbahnhof sieht es dann wirklich aus wie nach einer Schlacht, flächendeckend sind Boden und Sitze mit Papier bedeckt. Bei den Papierbergen, die hier im Minutentakt entsorgt werden, beginnt sogar ein Zeitungsmacher am Sinn der Papierzeitung zu zweifeln.
Nun hat Rupert Murdoch beschlossen, The London Paper einzustellen. Die Verluste der Gratiszeitung sind zu hoch. Während man sich durch die Papierberge seinen Weg zur Tür bahnt, fragt man sich, wie überhaupt jemand einmal auf die Idee kommen konnte, mit einer kostenlosen Zeitung sei mehr Geld zu verdienen als mit einer, für die man zahlt. Catch it, bin it, kill it.