Bitte, Leser, gibt es jemanden, der uns hier im Feuilleton der FR sagen kann, worum es in der Hegemann-Debatte inzwischen geht. Es nimmt kein Ende: Die "Zeit" druckt drei große Seiten über den Fall und lässt uns ratlos zurück. Sie vergleicht auf Seite Eins, als Erkenntnis der Woche, Helene Hegemann mit Thomas Mann, Brecht und Büchner. Hat also die Literaturgeschichte ein neues Kapitel? Nach Naturalismus und Expressionismus nun der Plagiatismus? Bitte, helft uns, Leser!
Erste Hilfe leisten auch die Hinterbliebenen des 1997 verstorbenen australischen Kinderbuchautors Adrian Jacobs, die Joanne K. Rowling ("Harry Potter") verklagen, weil sie aus einem Buch von Jacobs abgeschrieben haben soll. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie viel Geld sehen wollen. Hier ist die Welt sozusagen noch in den Fugen, so weit hergeholt der Plagiatsvorwurf dort sein mag: Beim Plagiat geht es um Urheberrecht, geistiges Eigentum und eben Geld.
Im Fall Hegemann hat das Abschreiben angeblich nur eine kleine vierstellige Summe gekostet (Darüber wurde Schweigen mit Airens Verlag SuKuLTur vereinbart. Airen ist der, der Hegemann die Vorlage geliefert hat.) Außerdem will Ullstein im Herbst Airens Buch neu auflegen. Warum hat sich Airens Verlag so über den Tisch ziehen lassen? Warum wird darüber nicht geredet? Die sechsseitige Liste, die der Ullstein Verlag dagegen jetzt an Hegemanns Buch wie bei einer historisch-kritischen Ausgabe anhängt, trägt eine juristische Handschrift: Wir machen das Ding wasserdicht gegen weitere Plagiatsvorwürfe.
In der Debatte wird stattdessen ungehemmt über Montage und Remix als literarische Verfahren geredet, über alte Männer und junge Mädchen, über Gott und die Welt. Es wird so getan, als würden wir alle auf die kleine Hegemann einprügeln. Hallo? Wenn da der falsche Hype der Verehrer (ich selbst mag ihr Buch sehr) nicht mal größere Schäden anrichtet! Wo bleibt ein erneuertes ästhetisches Urteil? Und schon gar niemand redet über die Missbrauchsgeschichte in Hegemanns Buch. Stattdessen können Journalisten am 18. März um 7.55 Uhr mit Hegemann von Berlin Hbf nach Leipzig zur Messe fahren.