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Times Mager: Im Keller

Unter der grünen Wiese liegt kein Strand. Während sich die Berliner allmählich an den leeren Platz in der historischen Mitte gewöhnen, zeigen die Holzstege Spuren natürlicher Verwitterung. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Unter der grünen Wiese liegt kein Strand. Während sich die Berliner allmählich an den leeren Platz in der historischen Mitte gewöhnen, zeigen die langen Holzstege erste Spuren natürlicher Verwitterung. Der große Platz ist immer in Bewegung. Wo vor nicht allzu langer Zeit die Betontürme des Palastes der Republik sich demonstrativ gegen den Abriss zu wehren schienen, tritt unter dem Rasen unverhofft eine lange verschüttete Welt zutage. Archäologen finden immer mehr Mauern und Gewölbe der alten Hohenzollernresidenz, die die Sprengung durch die SED-Potentaten überstanden haben. Grabungsexperten vermuten unter dem einstigen Schlosshof gar Hinweise auf frühmittelalterliche Besiedlungen. Das Hohenzollernschloss war nicht einfach nur auf Sand gebaut worden.

Man könnte über stadtgeschichtliche Sensationen, archäologische Glücksfälle und dergleichen mehr sprechen. Stattdessen bahnt sich ein kulturpolitischer Skandal an. Zwar sollen die archäologischen Funde ausgegraben und dokumentiert werden. Anschließend aber soll zerstört und zugeschüttet werden. Eine angemessene Einarbeitung der Schlosskeller in das Wiedererrichtungskonzept des Stadtschlosses ist nicht vorgesehen. Das ist diesmal nicht ideologisch, sondern fiskalisch motiviert. Beim Beschluss des Deutschen Bundestages war die ausgewiesene Bausumme von 552 Millionen Euro in Stein gemeißelt. Weil die Kostengrenze politisch unverrückbar scheint, drohen die Keller durch bürokratische Ignoranz geflutet zu werden.

Im Wahlkampf findet das Planungsdesaster um das Berliner Stadtschloss derzeit nicht den politischen Resonanzraum für ein grundsätzliches Innehalten. Obwohl die Verträge mit dem italienischen Architekten Francesco Stella vom Kartellamt aufgehoben worden sind, möchte Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee als Herr des Verfahrens am ursprünglichen Fahrplan festhalten. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass die Schlossdebatte nach der Bundestagswahl ganz neu und ganz anders entfacht wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass Pläne geändert werden müssen, weil sich was im Keller tut.

Datum:  18 | 9 | 2009
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