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Times Mager: Im Urwald

Viele Menschen gucken mich ein wenig länger an, als sie es sonst bei einer zufälligen Begegnung tun würden. Es ist sehr einfach: Für diese Leute passe ich nicht ganz ins Bild. Von Natalie Soondrum

Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Egal wohin ich komme, viele Menschen gucken mich ein wenig länger an, als sie es sonst bei einer zufälligen Begegnung tun würden. Ich könnte das als "schief ansehen" interpretieren oder meiner Anziehungskraft zuschreiben, wenn ich nicht genau wüsste: Für diese Leute passe ich nicht ganz ins Bild.

Als ich in Österreich lebte, war die herzerfrischende Frage immer, ob ich nicht nach Hause zurück wolle. Die Ösis verstanden die Ironie nicht, denn während sie wegen meines Äußeren an Indien dachten, kommen für mich auch die Karibik, Mauritius oder Deutschland als Ursprungsorte, nach denen ich mich sehnen könnte, in Betracht.

Schwamm drüber, wie meine Kollegin in solchen Fällen sagen würde. Mich interessiert sowieso viel mehr, wohin die Menschen unterwegs sind und warum. Aber man sollte nicht vergessen, dass es Menschen gibt, denen die Herkunft der anderen wichtig ist, weil sie mit ihrer eigenen nicht fertig werden.

Mit etwa 13 Jahren hatte ich eine Klassenkameradin, die fand ich abstoßend, einfach vulgär. Es war in einer Physikstunde, die mich ausnahmsweise interessierte, vermutlich weil ich zufällig in der ersten Reihe saß und etwas mitbekam. Hinter mir flogen nasse Stapel Tempotaschentücher durch den Saal, was ich prinzipiell nicht verwerflich fand - hätte mich nicht einer schmatzend im Nacken getroffen.

Die Mitschülerin brach in unflätiges Gackern aus. Wutentbrannt drehte ich mich zu ihr um und sagte, sie solle still sein. "Geh doch zurück in den Urwald, aus dem du herkommst", konterte sie. Ich ging in die Luft: "Geh du zurück in die Gosse, aus der du gekrochen bist."

Da brach sie in Tränen aus. Ihr Vater war Busfahrer, meiner hatte studiert. Sie schluchzte, konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Der Physiklehrer stand hilflos da und sagte gar nichts mehr. Trotzdem habe ich in dieser Schulstunde viel gelernt:

Die Mitschülerin hatte etwas Hässliches und Unrechtes zu mir gesagt, aber ich hatte ihr weh getan und nicht umgekehrt. Man sollte sich hüten zu glauben, es sei jemals gerechtfertigt, den Angreifer mit "seinen" Waffen zu schlagen. Das ist Schweizer Käse. Von der Sorte, die selbst eine so wunderbare Idee wie die Demokratie ad absurdum führen kann.

Datum:  1 | 12 | 2009
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