In seinem Buch "Notizen eines Weltbürgers" schildert der polnische Reporter und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski eine Szene, in der er im Zug nach Katowice Mitte der neunziger Jahre einer Gruppe Jugendlicher zuhört, die sich über das Programmieren von Computern unterhalten. "Sie sind in ihrer elektronischen Computersprache gefangen", räsoniert Kapuscinski, "man weiß gar nicht, ob eine andere Welt für sie überhaupt noch existiert (...) ob sie das alles, einschließlich der Sonnenauf- und Untergänge (...) nicht programmieren und auf der Stelle in eine Software einbauen möchten."
Es war wohl eine Art kulturkritische Sorge um die authentische Welt, die den berühmten Weltreisenden zum Nachdenken über die computerversessenen Jugendlichen brachte. Dabei hätte sich Kapuscinski, wie wir jetzt wissen, an der jugendlichen Begeisterung für das Verschalten, Einbauen und Umprogrammieren durchaus erfreuen können. Nichts anderes hat er ja, wenn sein Biograph Artur Domislawski Recht hat, in vielen seiner Bücher getan. Manches wohl bloß zur Verfertigung der eigenen Legende.
Kapuscinski hat seine Biographie, und in Teilen auch die Lebensgeschichte seines Vaters, dramatisiert oder aufgehübscht. Bisweilen hat er der Legendenbildung einfach nur nicht widersprochen. Kapuscinski habe nie behauptet, sagt Domislawski im Gespräch mit der taz, Che Guevara begegnet zu sein. Als es dann später auf den Buchdeckeln seiner Werke stand, habe er aber auch nicht widersprochen.
Auf ganz andere Weise ist ein Text erlogen, in dem Kapuscinski an sein Buch "König der Könige" anknüpft. Er handelte vom äthiopischen Kaiser Haile Selassie, aber in Polen lasen ihn viele samt der darin enthaltenen Fiktionen als Allegorie auf das kommunistische System. Die höfischen Verhältnisse in Äthiopien glichen auf verdächtige Weise den Vorgängen im polnischen ZK. Als literarisch gelungen darf man so ein Experiment schon deshalb betrachten, weil es die damalige polnische Zensur mühelos passierte.
Als Beispiel einer Geschichte über die Literatur und das Lügen ist der Fall Kapuscinski hierzulande eine Randnotiz. Wohl auch, weil der Autor volljährig war.