Minarette hin oder her, in der Schweiz oder sonst wo: Selbstverständlich können und wollen muslimische Sakralbauten den öffentlichen Raum prägen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von den katholischen, protestantischen oder jüdischen Gebetshäusern. An deren Erscheinung stören wir uns allerdings eher selten, und zwar nicht nur, weil wir uns im Laufe der Zeit an sie gewöhnt haben und sie zum "Kernbestand" unserer Kultur gehören, sondern auch, weil wir mit dem durch sie manifesten Glaubensansprüchen kaum noch etwas anzufangen wissen.
Zwar gibt es nach wie vor einen Bedarf nach Religiösem, doch beschränkt er sich zumeist auf den Gottesglauben als Entspannungs- und Lockerungsübung, als Trost- und Ruhekissen für Modernisierungsstressgeplagte. Dass an Gott zu glauben auch mit tiefen Zweifeln und schweren Prüfungen verbunden sein kann: Dergleichen Zumutungen kommen uns immer weniger in den Sinn - dafür aber umso mehr, auch mal gegen das sonntägliche Kirchengeläut als Lärmbelästigung zu klagen. Und klar doch, warum eigentlich nicht?
Ironischerweise begegnen uns in Gestalt der muslimischen Gläubigen und ihres eigentümlichen Ernstes all jene Zumutungen wieder, die wir aus unserem Repertoire längst verbannt haben. Das lässt sich zwar immer auch als Renaissance der Vormoderne denunzieren, sollte aber nicht von unserer Verunsicherung darüber ablenken, über einen einstmals wesentlichen Teil unserer Kultur nicht mehr zu verfügen. Wir begnügen uns mit leichtgewichtigem Ersatz, der zwar schnelles Glück, aber keine existenzielle Tiefe mehr verspricht.
Das ist nicht nur als Demokratiegewinn, sondern auch als Gleichgültigkeit gegenüber unserer Herkunft zu verbuchen. Und apropos Schweizer Minarett-Plebiszit: Zu erinnern wäre auch noch einmal daran, dass Wahrheit und Vernunft sehr wohl der Demokratie verpflichtet, aber keinesfalls eine Frage von Mehrheitsverhältnissen sind. Mit anderen Worten: Religionsfreiheit hier und heute - das bedeutet Minderheitenschutz. Fast so wie beim Schutz bedrohter Tierarten oder Naturvölker