kalaydo.de Anzeigen

Times Mager: Mitleid

Guayin, die buddhistische Mitleidsgöttin, muss den Abendländler interessieren: Schließlich liegt ihm noch Nietzsches Beschimpfung des Christentums als einer Mitleidsreligion in den Ohren. Von Arno Widmann

Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Wer heute den im Verlag der Weltreligionen erschienenen "Kalender für das Jahr 2009 - Feste und Feiertage der Religionen der Welt" aufschlägt, der wird auf den Eintrag stoßen: "Geburt Guanyins (chines.-buddh., Geburt von Guanyin, der Göttin des Mitgefühls)".

Der interessierte Abendländler geht dem nach. Schließlich liegt ihm noch Nietzsches Beschimpfung des Christentums als einer Mitleidsreligion in den Ohren. Unter den zahllosen Legenden der Göttin Guanyin gibt es eine besonders ergreifende und darum auch besonders erfolgreiche.

Darin heißt es: Guanyin sei eine fromme Buddhistin gewesen, der es gestattet war, gleich nach dem Tod ins Nirvana zu kommen. Als sie an dessen Toren stand, hörte sie Schreie von unten, von der Erde. Also kehrte sie dorthin zurück, um den Menschen zu helfen. In einer anderen Geschichte ging sie sogar in die Unterwelt, um die Verdammten zu retten. Ihre bloße Gegenwart machte der Hölle ein Ende.

Im Neuen Testament wird man vergeblich eine entsprechende Stelle suchen. Dort gilt: Wer nicht glaubt, dem droht ewige Verdammnis. Das wird im gesamten frühchristlichen Schrifttum nicht in Frage gestellt. Einzig im apokryphen Apostelbrief tauchen Zweifel daran auf. Jesus sagt dort: "Jeder, der mein Gebot tut, wird ein Kind des Lichts und meines Vaters sein. Und um derentwillen, die meine Gebote bewahren und tun, bin ich vom Himmel herabgekommen. Ich bin das Wort und bin Mensch geworden und habe gelitten und gelehrt. Es gibt Menschen, die gerettet werden, und solche, die für immer verloren sind. Letztere werden an Leib und Geist mit Feuer bestraft."

Die Jünger erwidern ihm erschrocken: "Herr, wir machen uns Sorgen, um die, die bestraft werden" und ein paar Zeilen später heißt es: "Wir aber waren sehr betrübt über die anderen, die ausgeschlossen worden waren." Ja, die Jünger sagen sogar, dass sie ihre eigene Auserwähltheit nicht genießen können, wegen der Verstoßenen. Jesus aber antwortet ihnen: "Das ist nicht eure Sache, sondern das müsst ihr dem überlassen, der mich gesandt hat." Später bei Augustinus heißt es dann, dass zu den Freuden des Paradieses der Anblick der Leiden der in die Hölle Verstoßenen gehöre.

Von wegen Mitleidsreligion.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  30 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken