Muezzin-Rufe verwirren Mainzer, stand da, Wort für Wort, stundenlang, und deshalb galt es irgendwann, dem Sinn der Videotextschlagzeile einfach mal nachzugehen, um zu sehen, was sich auf der Videoseite 405 hinter der Überschrift verbarg. Doch nicht etwa ein Wochenende-Eklat?
Nun, mit einer bundesweit einmaligen Klanginstallation wollte die Berliner Künstlerin Miriam Kilali zum friedlichen Zusammenleben von Muslimen und Christen aufrufen. Das, so sagte es der Videotext, habe die Künstlerin gesagt. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Kunst allerorten als Koexistenzangebot verstanden wird, Muslime haben da gelegentlich ebenso feste Vorstellungen wie Christen, Fundamentalisten ausdrücklich. So war es die schiere Angst, die verhinderte, dass Gregor Schneiders Nachbildung der Kaaba, bevor sie 2007 doch noch in Hamburg installiert wurde, monatelang irgendwo aufgebaut wurde. Und wenn es doch nicht Angst war, dann die Erkenntnis, dass es mit dem friedlichen Zusammenleben von Teilen der Menschheit mit einem Stück Kunst nicht immer weit her ist. Dieses blieb unangetastet, es wurde als Hilfsmittel der Völkerverständigung begrüßt.
Am Freitag und am Samstag erklangen drei Mal jeweils sechs Minuten lang Muezzin-Rufe von einer Kirche in Mainz. Ein Gotteshaus wurde im Namen einer Good-will-Aktion praktisch im Verhältnis 50 zu 50 umgewidmet, denn die Rufe wurden gemischt mit einem Glockengeläut. Die Kirche als Hybrid. Wobei zur ganzen Wahrheit gehört, dass das Geläut das des Petersdoms (Rom) war. Bei allem haftete der Kunst- eine Befragungsaktion an, es wurde, so viel zum Servicecharakter dieser Irritation, nach dem Nutzwert einer Kunstaktion gefragt. (Die Reaktionen sollen extrem unterschiedlich ausgefallen sein.)
Wie auch immer das Endresultat ausgefallen sein mag, aus dem Videotext ging nicht hervor, wie viele Mainzer eine Muezzin-Stimme als Muezzin-Stimme identifizieren konnten. Auch wurde nicht deutlich, wie viele Befragte die Petersdomglocke als Petersdomglocke erkannten, und, wenn das womöglich nicht postwendend, so doch die Glocke als Glocke, was einesteils bereits ein Segen wäre.