Es hieß schon längst nicht mehr "ob", sondern nur "wie viele". "Das weiße Band", die finstere deutsche Kindergeschichte des Österreichers Michael Haneke, war seit langem der aussichtsreichste Anwärter für eine Oscar-Nominierung. Die Goldene Palme von Cannes, deutsche oder europäische Filmpreise waren dafür weniger entscheidend als der weltweite Erfolg eines radikalen Stückes Filmkunst, das nach allen Branchenregeln Kassengift sein müsste: Schwarzweiß und Überlänge, historisch aber kein Kostümfilm, noch dazu ein unangenehmes Thema.
Diese Kombination gab es zuletzt 1993. Der Film hieß "Schindlers Liste" und gewann sieben Oscars. So gesehen ist es vielleicht doch ein Erfolgsrezept, aber eines, das nur alle Jubeljahre und unter sehr besonderen Bedingungen funktioniert. Pardon, diese Überlegungen am Tag der Bekanntgabe der Oscar-Nominierung haben nur in zweiter Linie mit Kunst zu tun. Wie im übrigen auch die Oscars.
Was Hollywood an Hanekes Film imponiert, zeigt die zweite Kategorie, in der "Das weiße Band" nun antritt, die Kamera. Fast jeder "director of cinematography", der etwas auf sich hält, möchte einmal in Schwarzweiß arbeiten. Aber stellen wir uns einmal die lustigen Produzentengesichter vor, wenn sie den Vorschlag machen. Der österreichische Kameramann Christian Berger ist ein in seiner Zunft viel beneideter Mann - nur selten bekommt man solch eine Gelegenheit. Trotzdem hat auch Mauro Fiore, der Bildgestalter von "Avatar", große Chancen, weil er bewiesen hat, dass 3D ein kreatives Bildmedium sein kann und er der Filmkunst eine neue Dimension erschlossen hat.
Was die Favoriten um den Hauptpreis ins Blickfeld rückt: Es ist ein geschiedenes Ehepaar, Balsam für den Boulevard - Kathryn Bigelow mit ihrem allseits bewunderten Irak-Kriegsfilm "Tödliches Kommando" und James Cameron, der an "Avatar" länger gearbeitet hat als Stanley Kubrick an seinen Meisterwerken. Bigelow hat den bedeutenderen, Cameron den schöneren Film gedreht.
Für ihre Beharrlichkeit werden sie neidlos bewundert. Wie Hollywood gerade die Macher vom "Weißen Band" bewundert.