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Times Mager: Pfeifen

Hier geht es ja nicht um Verbrechen und Aufruhr. Hier geht es darum, das Zusammensein im öffentlichen Raum erträglich zu gestalten. Die Ordnungshüter dieser Welt sind beschäftigt. Von Judith von Sternburg

Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Gerechtigkeit ist im Vorübergehen nicht zu haben. Sonntagabends machen Hunderte mit rückenschonenden Rädern versehene Koffer die Berger Straße zum donnernden Rollfeld. Aber werden deshalb die Rollen beschlagnahmt?

In der S-Bahn dauert der Stopp an der Ostendstraße länger, weil ein Rollstuhlfahrer eine Rampe braucht. An der Konstablerwache, eine Station später, muss er schon wieder raus. Da kriegt sich eine junge Frau gar nicht mehr ein. Aber kommt deshalb die Polizei und verhaftet sie? Und nimmt auch den S-Bahn-Führer vorläufig in Gewahrsam wegen Mürrischkeit beim Kundenservice? Nicht die Spur.

Hier geht es ja nicht um Verbrechen und Aufruhr. Hier geht es darum, das Zusammensein im öffentlichen Raum erträglich zu gestalten. Betrachtet man aber die Situation für einen Augenblick global, so werden die Kapazitäten hierfür gegenwärtig offenbar anderswo verbraucht. Die Ordnungshüter dieser Welt sind beschäftigt.

Denn in Riviera Beach, Florida springen Menschen in extrem tief sitzenden Hüfthosen umher. Das ist dort aber verboten: Hosen, unter denen zu viel Unterwäsche zu sehen ist. Wer erwischt wird, muss mit Strafverfolgung rechnen. Gerichtlich sei das noch nicht endgültig ausgefochten, heißt es.

Und auf Plakaten zu einer Ausstellung in Paris war zu sehen, wie der Komiker Jacques Tati eine Pfeife rauchend auf einem Mofa fährt. Plakatwerbung für Rauchwaren ist aber ebenfalls verboten. Die Pariser Verkehrsbetriebe sind da äußerst korrekt. Auf die inkriminierte Stelle (die Pfeife) wurde ein Windrädchen montiert, wie die Agentur afp meldet.

Zweiteres erinnert natürlich an das Büschlein, das einst Cranachs Eva vors Hinterteil gemalt wurde. Ersteres treibt auch jene, die extrem tief sitzende Hüfthosen für einen ästhetischen Skandal halten, in die Arme von Liebhabern extrem tief sitzender Hüfthosen. In 3000 Jahren, wenn uns Ganzkörperanzüge wärmen, wird man Depots beschlagnahmter extrem tief sitzender Hüfthosen ausgraben und staunen über damalige Körperformen. In 4000 Jahren, wenn die letzte Pfeife lang geraucht ist, wird man die Plakat-Montage finden und staunen, was das für ein Teil im Munde des Mannes auf dem Fahrapparat (Leonardo-Zeit?) war. Und es nachbauen. Ha.

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  17 | 4 | 2009
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