Natürlich muss man erst einmal abwinken: Deutsch, was soll das denn nur wieder heißen in Zusammenhang mit dem Repertoire eines Opernhauses, und macht man sich damit nicht sogar eher verdächtig als interessant? Aber so sehr Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, und sein Generalmusikdirektor Sebastian Weigle auch terminologisch Abstand davon nehmen: Sie pflegen es, das deutsche Repertoire.
Ja, natürlich auch die Italiener und Franzosen und zumindest einen Tschechen und was sonst noch Rang und Namen hat im Opernrepertoire. Aber es gibt an der Frankfurter Oper doch seit einiger Zeit konstant Zeichen, die über ein landläufiges, am Publikumsgeschmack orientiertes Zusammenhäkeln des Spielplanes hinaus gehen. Das dementierende Abwinken und Kopfschütteln dient vor allem dem Wort "deutsch" und seinen Beschränkungen. Zum Beispiel durch ein politisch akzentuiertes Verständnis, das in der Verwendung dieses Adjektivs nur ein Vergehen gegen löblichen Anti-Nationalismus sieht.
In dem Repertoire, das Loebe und Weigle pflegen, ist ausdrücklich Platz für sehr vieles. Für Hans Pfitzner zum Beispiel, mit dessen Kantate "Von deutscher Seele" Ingo Metzmacher vor einem halben Jahr in Berlin eine Debatte über das Deutsche in der Musik anzuregen sich anschickte und von dem die verquaste, musikalisch eigentümlich aufgeladene Oper "Palestrina" die laufende Frankfurter Spielzeit abschließen wird (und jeder weiß ja, dass Pfitzner bis an sein Lebensende unbelehrbarer Anhänger des Nationalsozialismus war).
Aber auch der "Simplicius Simplicissimus" seines als "entartet" von den Nazis aussortierten Zeitgenossen Karl Amadeus Hartmann ist deutsch, ebenso Mozarts "Zauberflöte" und der "Ring" Richard Wagners, des Übervaters des Antisemitismus in der Musik, und natürlich auch die Pfitzner- und Hartmann-Zeitgenossen Weill und Strauss und Korngold. All das ist in der Frankfurter Oper demnächst, als Neuproduktion oder Wiederaufnahme, innerhalb einer Saison zu erleben. Und so verlagert sich langsam, aber begrüßenswert beharrlich eine ausweglos politische Debatte. Es geht nicht mehr nur darum, was deutsch ist und ob man das darf, es geht um den Begriff der Pflege.