kalaydo.de Anzeigen

Times Mager: Rückblick

1934 erschien im Amsterdamer Querido-Verlag, dem vielleicht wichtigsten deutschen Exilverlag, das Buch "Führer Europas" von Emil Ludwig. Von Arno Widmann

Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

1934 erschien im Amsterdamer Querido-Verlag, dem vielleicht wichtigsten deutschen Exilverlag, das Buch "Führer Europas" von Emil Ludwig. Eine Sammlung von zehn Porträts von Aristide Briand bis Josef Stalin. Ludwig, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit, hatte mit den Genannten, aber auch mit Masaryk,Mussolini, Nansen und Walther Rathenau lange Gespräche geführt. Ludwigs Fazit ist eindeutig: Es wird Krieg geben. Das Buch entstand, als der Europa-Gedanke, der zwischen den beiden Weltkriegen ein paar Jahre lang eine Chance gehabt zu haben schien, schon wieder verdrängt wurde von wild, ja blutrünstig gewordenem Nationalismus.

Emil Ludwig sieht sich als Protokollant und Opfer. Seine Bücher waren mit verbrannt worden auf den Scheiterhaufen des Deutschen Reiches, das zum Dritten Reich der Nazis geworden war. Ludwigs Erfahrungen in Deutschland und seine Gespräche mit den "Führern Europas" sagen ihm: Mit dem Schlimmsten musst du rechnen.

Wenn wir heute in das Buch schauen, mögen wir Ludwigs Klarsichtigkeit, was das Kommen eines Weltkrieges angeht, bewundern. Gleichzeitig aber erschreckt uns das Buch, weil deutlich wird, dass auch der schwärzeste Schwarzseher bei weitem nicht schwarz genug sah. Das Schlimmste, das Allerschlimmste, mit dem Emil Ludwig rechnete, ist nicht mehr als ein Weltkrieg, ein "Wettkampf um die Vorherrschaft von Rassen und Völkern", ein Wahnsinn auch das, aber doch lange nicht jener systematische Vernichtungsfeldzug gegen Juden und Russen, Polen und gegen alles dafür befundene "unwerte Leben".

Emil Ludwig, der gerade den Niedergang der Idee eines vereinten Europa und das Wiedererwachen eines blank ziehenden Chauvinismus erlebte, hielt an der Idee fest, dass aus dem Krieg der europäischen Völker gegeneinander der Weltstaat kommen werde, "auf dem unsere verarmten Erben in gemeinsamer Not sich festklammern werden".

Wir lesen das heute - nach der Katastrophe - mit tiefer Melancholie. Wir begreifen nämlich langsam wieder, dass die Not uns nicht zusammen-, sondern auseinanderbringen wird. Mehr noch als der Reichtum der vergangenen Jahrzehnte es tat.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  14 | 5 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken