To me, fair friend, you never can be old, / For as you were when first your eye I eyed, / Such seems your beauty still. Three winters cold / Have from the forests shook three summers' pride, / Three beauteous springs to yellow autumn turn'd / In process of the seasons have I seen, / Three April perfumes in three hot Junes burn'd, / Since first I saw you fresh, which yet are green."
So lautet der Anfang aus Shakespeares Sonett 104, oh ja, das ist der wohlabgewogene Shakespeare-Sound. Allein wegen dieser einen Passage lohnt das ganze Sonett: " when first your eye I eyed" - dreimal der (fast) selbe Wortklang hintereinander. Ist das bereits dadaesker Schabernack? Oder schlicht das gestrenge Gehör des Meisters?
Wie auch immer, das muss man erst einmal können. Inhaltlich fühlen wir uns selbstverständlich auch angesprochen: "In meinen Augen seid Ihr niemals alt / denn wie ich erstmals Euch ins Auge sah, / so seht Ihr jetzt noch aus " Wer schon hat zuletzt so hingebungsvoll zu seinem Gegenüber gesprochen? Aber was, wenn dieses Gegenüber Shakespeare selber wäre? In London ist jetzt das einzige noch existierende Shakespeare-Porträt vorgestellt worden, das bereits zu Lebzeiten des Dichters gemalt wurde.
Nach Angaben des Kunstrestaurators Alec Cobbe befand sich das Gemälde über Jahrhunderte im Besitz seiner Familie, seit die Urenkelin von Shakespeares Förderer Henry Wriothesley, dem dritten Earl von Southhampton, einen seiner Vorfahren geheiratet habe. Das Gemälde datiert aus dem Jahr 1610, als Shakespeare 46 Jahre alt war, sechs Jahre vor seinem Tod. Es zeigt den Dichter erstaunlich jung und lebendig: "Drei Winter, kalt, / verjagten aus dem Wald den Sommer zwar, / drei Lenze zogen gelb als Herbst durchs Land, / und im Verlauf der Jahre sah ich wie / der Maiblust dreimal im August verbrannt, / seit ich Euch sah, doch Ihr seid frisch wie nie."
Sogar der Präsident der Shakespeare-Stiftung am Geburtsort des Dichters in Stratford-upon-Avon, Stanley Wells, zeigte sich beeindruckt und gab mit typisch britischem Understatement kund, er sei "zu 90 Prozent" von der Echtheit des Porträts überzeugt. - "Du Zeit nach uns, sag dies zu unsern Erben: / Bevor Ihr kamt, musst Sommers Schönheit sterben."