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Times Mager
Glossen aus unserem Feuilleton

12. August 2009

Times Mager: Stilprobe

Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Im Fernsehen möchte man gut aussehen", weiß Volker Zastrow. Seinen Schönheitssinn erprobt er am Weibe, genauer an Carmen Everts. Anbei eine Stilprobe. Von Ina Hartwig

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Im Fernsehen möchte man gut aussehen", weiß Volker Zastrow, "schon gar in einem Zeitalter, in dem sogar Bundeskanzler vor Gericht erstreiten, dass ihre Schläfen nicht mehr grau sind." Die Polemik verrät, dass hier kein Leser Prousts am Werk ist. Dann nämlich wäre Zastrow die herzergreifende Figur des Baron de Charlus vertraut, der sich im Kampf gegen das unaufhaltsame Werk der Zeit das Haar färbt und die Wangen pudert und dabei eine so traurige Würde ausstrahlt, dass die Lächerlichkeit des Gefallenwollens im Nu verpufft.

Seinen Schönheitssinn erprobt Zastrow in diesem Fall lieber am Weibe. Nehmen wir eine Stilprobe: "Hinter Carmen Everts lagen harte Wochen und ein noch härteres Wochenende. Sie hatte in letzter Zeit ungeheuer abgenommen, was ja zunächst erfreulich sein mochte. (sic!) Aber jetzt hatte sie seit Tagen Magenprobleme. Sie war sehr blass. Die Haut ihrer Unterarme und Hände war heller als das Gesicht, fast so weiß wie Schnee."

Was macht Schneewittchen, dem der "mutmaßlich größte Auftritt ihres Lebens" bevorstand, nämlich die Pressekonferenz, auf der "Die Vier" bekannt geben würden, dass sie Andrea Ypsilanti die Stimme verweigern würden? "An diesem Montag trug sie ein kurzes schwarzes Etuikleid und darunter eine grüne Bluse, am Hals eine Kette aus verschiedenen grünen Steinen und Ohrstecker mit dunkelgrünen, sattleuchtenden Kristallen. Zusammen mit dem kurzen roten Haar, dem Lippenstift und der natürlichen Blässe ihres schmalen Gesichts schuf das einen hübschen Kontrast."

Nehmen wir zugunsten des Autors an, dass er die Gewissensnotlage einer Sozialdemokratin, die dabei ist, ihre politische Karriere aufs Spiel zu setzen, ohne Ranküne schildern wollte. Aber mit Brigitte-Prosa und unbewusst-frivolen Diät-Vorschlägen läuft der Text ins Leere. Wie heißt es doch bei Proust so schön, der im Zusammenhang der Dreyfus-Affäre schreibt: "Daher entzieht sich die politische Wahrheit auch gerade, wenn man sich wohlunterrichteten Männern nähert und engste Berührung zu ihr zu haben scheint." Ersetzen wir Männer durch Frauen, und der Satz gilt heute noch. Im Fernsehzeitalter.

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