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Times Mager: Sündenfall

Hinfassen verbot sich, schon aus Scheu, und auch wenn ihm kurz der Arm zuckte, als wollte er vorschnellen, blieb er ja doch ganz an seinem Körper. Schließlich war die Dame ein Cranach. Von Christian Thomas

 Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.
Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Hinfassen verbot sich aus verschiedenen Gründen, schon aus Scheu, und auch wenn ihm für den Bruchteil einer Sekunde der Arm zuckte, als wollte er vorschnellen, blieb er ja doch ganz an seinem Körper, so wollte es schließlich der Anstand oder was auch immer, denn an dieses uralte Bild, auf dem eine Langbeinige dekorativ stand, auch nur zu nah heranzutreten, gehörte sich nicht, das bereits war Frevel, deshalb verbot sich Hinfassen ja nicht nur, er wollte es gar nicht, also musste er sich gar nicht erst sagen, lass es einfach.

Und doch, weil er nun schon eine ganze Weile stehen geblieben war vor den beiden nackten Leibern, der Schlanken und ihrem Knaben, verharrte er weiterhin. Mit nichts an als Gold im Haar, am Hals, am Arm, dazu einem transparenten Schleier stand Venus da. Störte er sie? Hob sie doch den Zeigefinger, weil oben im Bild seit Jahrhunderten geschrieben steht: "So verletzt auch uns die kurze, vergängliche Wollust, die wir begehren. Sie ist mit herben Schmerzen verbunden."

Noch einmal, hinfassen wollte er nicht, aber weil er nun mal verharrte, spitzte er mit einem Male den Mund und fing an auf das Bild zu blasen. Und nachdem er sich verstohlen umgeschaut hatte, spitzte er den Mund ein weiteres Mal, der Luftzug müsste jetzt einen unsichtbaren Korridor bilden, bis zur Stirn der Nackten, haarfein, das müsste den Schleier in Bewegung versetzen.

Um Himmels willen, erschrak er.

Denn für einen Moment hatte die Nackte ihm zugelächelt, trotz ihres Zeigefingers, unbemerkt von allem war das geschehen. Aber wie auch, wer wollte was bemerkt haben! Hatten doch weder Luftzug noch Zeigefinger der Nackten die Alarmanlage ausgelöst, so dass, gut möglich, nein, mit Sicherheit, die Aufseher in den Raum gestürzt wären, um zu sehen, was den Alarm ausgelöst und die Anlage hatte schrillen lassen, und ob wieder mal ein Besucher einfach zu nah an eine Nackte Lucas Cranachs herangetreten war, dachte er sich, obwohl er sich noch im Moment zuvor gesagt hatte, mach das nicht, um Himmels willen, lass das, nein, zum Teufel, tu es nicht, wie auch immer, lass die Finger davon.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  10 | 3 | 2010
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