Mein Deutschlehrer Konrad Neumann warnte uns vor einem halben Jahrhundert: Misstraut den Superlativen! Sie stimmen nie. Wer sie verwendet, meint nicht, was er sagt. Er will sich nur aufplustern, will euch imponieren. Wer den Superlativ verwendet, hat nicht nur selbst nicht nachgedacht, er will auch euch am Nachdenken hindern.
An diese Suada meines verehrten Deutschlehrers musste ich denken, als ich gestern Die Zeit kaufte. "Woher kommt das Böse?" war der Titel des Blattes und darunter stand "Keine Spezies ist so aggressiv wie der Mensch." Diese Behauptung ist auch schon seit mehr als einem halben Jahrhundert veraltet. Sie stammt aus einer Zeit, in der Zoologen uns weismachten, der Mensch wäre die einzige Spezies, die sich über ihre Artgenossen hermachte, ja die einzige, die töte aus Lust am Töten, aus Spieltrieb oder anderen niedrigen Beweggründen, nicht aber aus dem einzig entschuldbaren, nämlich sich zu ernähren.
Inzwischen weiß ich, dass Konrad Neumann recht hatte. Mehr noch als er damals ahnte. Der Superlativ regiert die Reklame und den Journalismus. Man könnte also sagen: Er regiert die Welt. Mit den bekannten Ergebnissen. Leider gibt es keine Konrad Neumanns mehr, die uns klarmachen, dass die Sätze, die wir schreiben, eine Bedeutung haben. Dass Wörter einen Sinn und nicht nur Reize und Emotionen transportieren. Wer dem Verantwortlichen für die Seite 1 sagt "Der Mensch ist aber nicht die aggressivste Spezies" bekommt ein Lächeln zur Antwort. Ein freundliches "vielleicht", aber ganz sicher ein von weit oben herabgelassenes Lächeln. Und dann kommt es. "Das spielt doch keine Rolle! Knallen muss es! Deinen wunderbar klug abwägenden Artikel liest doch kein Schwein, wenn die Überschrift nicht ein Reißer ist."
Ich habe bei Konrad Neumann gelernt. Also habe ich den Artikel nicht mehr gelesen. So viel Klamauk in der Überschrift verdirbt mir die Lust auf das, was ihr folgt. Ich werde misstrauisch, wenn man mich für blöde erklärt. Mir kommt der Verdacht, dass die, die es tun, noch blöder sein müssen als ich, denn sonst würde ich es nicht merken, dass sie mich für blöde erklären.