Wie an dieser Stelle bereits mehrfach bemerkt, gehören vor allem die unvermeidlichen Klugscheißer zu den lästigen bis nervigen Erscheinungen in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Seien es jene Experten, die vor nicht einmal einem Jahr noch das Blaue vom Himmel versprachen, irgendwann bemerkten, sich gründlich geirrt zu haben und kurz von der Bildfläche verschwanden, um als Abgesandte der Anwalts- und Beraterkanzleien erneut in die Politgremien geladen zu werden. Jene, die haben, denen wird gegeben werden - dafür kann man sich als Experte auch schon mal leistungsgerecht beschimpfen lassen.
Überaus willkommen, da absolut folgenlos ist deshalb auch die vom Bundespräsidenten bis zu den Gewerkschaften reichende große Koalition derjenigen, die vor allem die moralischen Verwerfungen der Managerkaste beklagen, als sei Ausbeutung oder auch Marktversagen im Kapitalismus ein Problem individueller Moral und nicht etwa systemisch bedingt. Nicht dass Menschen betrügen, ist skandalös, sondern dass ihr Betrug durch Anreizsysteme gefördert wird.
Am schönsten sind allerdings all jene Kleinaktionäre, die zwar eben gerade noch sehr beherzt ihrem Fondsmanager oder Bankberater die Hölle heiß machten, weil der nicht die, sagen wir: üblichen zehn Prozent Rendite aus dem Markt pressen, sondern sich, nachhaltig orientiert, auf fünf Prozent beschränken wollte, und die sich nun mit viel Krakeel als der von den Großen betrogene "kleine Mann" beselbstmitleiden. Warum aber Mitleid mit diesem Geiz-ist-geil-Volk haben, wenn es jetzt nur die Rechnung seines bedingungslosen Schnäppchenjägertums präsentiert bekommt?
Es ließen sich selbstverständlich zahllose weitere Beispiele nennen Wir erleben seit Monaten ein von Klugscheißern aller Couleur und Klassen betriebenes Besitzstandswahrungsspiel, bei dem ausgerechnet die Moral und die aus ihr folgende Empörung dazu dienen, alles so zu belassen wie es ist - als seien sie, diese Restbestände der einstmals stolzen bürgerlichen Sitte, nichts anderes als viele kleine Lügen in der großen Systemlüge. Immerhin, das wäre mal etwas Neues: Nicht auf die Moral, sondern auf deren Selbstabwicklung zu hoffen - bis es dann wirklich kracht.