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Times Mager: Turntöchter

Vielerlei wird vom Turnfest in Erinnerung bleiben, und die U-Bahn war die engste Zelle, in der Körperkontakt und Körperaroma tagelang mitfuhren. Von Christian Thomas

Christian Thomas ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau.
Christian Thomas ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Das Nahverkehrsmittel kurz vor Mitternacht. Blasses Gedöse im urbanen Untergrund. Doch plötzlich Getöse in der gefühlten Geborgenheit. Muss das denn sein?

Aber natürlich muss das sein! Denn Frankfurt befindet sich im Ausnahmezustand. Tagelang stand die City im Bund mit dem Internationalen Deutschen Turnfest. Und da wurde auch die U-Bahn, frisch, fröhlich, frei, zur Turnhalle, die Strecke zwischen A und B zur Wallfahrt der Körperfrömmigkeit. Aber musstest du deshalb zum Augenzeugen werden?

Am vorletzten Tag, kurz vor Mitternacht besetzten sechs oder sieben Teenies den Waggon. Soll man sagen Elfen? Sag' doch einfach, dass es die Töchter des Turnvaters Jahn waren, die den Waggon zum Beben brachten. Ihr Sponsor, ein Spezialist für Sanitäranlagen aus dem Schwäbischen, hatte seine Mündel knapp eingekleidet. Auf den Leib geschnitten waren auch die weltberühmten drei Streifen. Im internationalen Nahverkehrsmittel aber rückten, so wie einst die deutsche Nation unter den Appellen des Turnvaters, Wildfremde zusammen. Was die Töchter jetzt wohl machen werden? Nun lass, und schau nicht so hin.

Vielerlei wird vom Turnfest in Erinnerung bleiben, und die U-Bahn war die engste Zelle, in der Körperkontakt und Körperaroma tagelang mitfuhren. Ausweise baumelten an Leibern, Rucksäcke wurden auf sich genommen wie Reliquien. Sag ich doch, es war praktisch wie auf einem Kirchentag. Ja, es war das Turnfest, dass die Nachfahren des Turnvaters zu sich kommen ließ wie die aufgedrehten Kinder. Sie schlugen ein Rad, machten Handstand, baumelten kopfüber von der U-Bahndecke herab, weiß der Henker, wo sie das herhatten. Und gewiss am wenigsten ubahnüblich war, dass sich ein Kind zwischen das Gestänge klemmte. Zum Bild der Kreuzigung aber zeigte sich dreifach das auf den Körper eingetragene Logo: im Bauchnabel das Piercing, überm Steiß das Tattoo Und vor den Zähnen die Zahnspange.

Oh, du Turnvater! Du Stammvater der Körperfrömmigkeit, du Urvater der Körperflüssigkeiten. Wie erhitzt sahen doch deine Kinder aus, während sie nach nur zwei Stationen aus der U-Bahn wieder hinausflogen, mitten in Frankfurt, mitten in die Nacht.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  5 | 6 | 2009
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