Im westukrainischen Lemberg (Lviv) kam es 2007 während einer Tagung zu einer Kontroverse zwischen dem ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch und dem polnischen Historiker Wlodzimierz Borodziej, die die deutschen Teilnehmer irritierte. Die emotionalen Verletzungen, die die Vertreibungen in Wolhynien und Ostgalizien hinterlassen haben, sind nach 1989 kaum gelindert worden. Von 1943 an betrieben die ukrainischen Nationalisten eine aggressive Entpolonisierung. Bis zum Juni 1944 verließen mehr als 300000 Polen Ostgalizien aus Angst vor Angriffen ukrainischer Einheiten. Aus vielen Regionen zog die polnische Bevölkerung fast vollständig weg.
Wenn hierzulande das Wort Vertreibung fällt, bleibt meist außen vor, dass gerade die Länder Ostmitteleuropas lange vor 1945 ein Schauplatz massenhafter Zwangsmigration waren. Wie die einzelnen Bewegungen verliefen, haben vier polnische Historiker in einem Atlas zusammengefasst, der nun auch in deutscher Sprache vorliegt.
Bemerkenswert ist das Kompendium schon deshalb, weil bereits im Titel das Wort Vertreibung Verwendung findet. Die jungen, um 1970 geborenen Historiker, haben diesbezüglich auch in der polnischen Geschichtsschreibung Neuland betreten. Im Rahmen der Buchvorstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin ging Autorin Malgorzata Ruchniewicz ausführlich auf terminologische Schwierigkeiten ein. Vertreibung sei nach wie vor ein sehr emotionaler Begriff. Je nach Kontext müsse zwischen wilden und organisierten Vertreibungen unterschieden werden. Und so fielen im DHM ferner Begriffe wie Deportation, militärische Aussiedlung, Zwangsmigration und Repatriierung, aber auch ein vermeintlich neutraler Begriff wie Transfer.
Die "Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung" (Weltbild Verlag, 14,95 Euro) gibt vor, welche Arbeit in der deutschen Stiftung "Flucht, Vertreibung. Versöhnung" zu leisten sein wird. Malgorzata Ruchniewicz, Greegorz Hryciuk, Bozena Szaynok und Andrzej Zbikowski haben Pionierarbeit geleistet. Der Name Steinbach fiel nicht. Warum auch?