Man kann Gelegenheiten nutzen. Man kann sie auch vermasseln. Ein kleines, vergangenes Jahr in den USA erschienenes Buch beginnt mit dem Bericht über eine 2012 in den USA stattfindende Debatte zum Thema "Wer hat die Türkei verloren?". Eine unschöne Utopie, die aber klar macht, dass wir dabei sind, eine der größten Chancen zur Lösung eines der großen Konflikte der europäischen Geschichte zu verspielen. Kein Nachfolgestaat des osmanischen Reiches, kein muslimisches Land war dem Westen so weit entgegen gekommen wie die Türkei. Keines war so eng - politisch und militärisch - mit dem Westen verbunden wie die Türkei. Keines war so weit auf dem Weg in eine aufgeklärte Moderne wie die Türkei.
Die Türkei machte klar, dass es einen Weg gab, auf dem Ost und West sich treffen konnten. Die Türkei war diesen Weg gegangen. Es war der Westen, der sich weigerte und zu einem großen Teil immer noch weigert, ihr entgegen zu gehen.
Der Assoziierungsvertrag der Europäischen Union mit der Türkei stammt aus dem Jahre 1963. Man stelle sich vor, das damalige Europa hätte schon vor 1989 den politischen Status seines Verhältnisses zur Türkei dem seiner militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen angepasst, wir hätten gewaltig viel weniger Probleme in der Türkei und in Europa.
Stattdessen entfernt sich heute auch die Türkei von Europa. Es erscheint undenkbar, dass Europa heute, das ja Osteuropa einschließt, leichter mit der Türkei ins Benehmen kommt als das alte Westeuropa der Zeit vor 1989. Es ist schön, dass Polen und Deutsche, Deutsche und Franzosen sich jetzt vertragen, dass Waffengänge zwischen diesen Nationen ausgeschlossen scheinen.
Aber wenn wir weiter blicken, merken wir, dass wir die Chance, die wir hatten, verspielt haben. Es ist uns nicht gelungen Ost und West zusammen zu bringen. Wir haben es nicht einmal versucht. Jetzt erst, da die Chance verspielt ist, nehmen wir wahr, wie nahe wir daran waren, das östliche Mittelmeer - vielleicht dann sogar das ganze Mittelmeer - zu einem Meer des Friedens zu machen. Wir haben die Türkei verloren. Sie wieder zu gewinnen wird eine der großen Aufgaben sein.