Mutter ist achtundachtzig. Seit Ende Dezember hat sie sich erst die rechte, dann die linke Hand gebrochen, hat eine Lungenentzündung überstanden und die Verdauung ist jetzt auch wieder in Ordnung. Sie war im Haus, im Krankenhaus, im Haus, im Krankenhaus, im Heim, im Krankenhaus. Jetzt ist sie wieder im Heim.
Ich bin fast jeden Tag bei ihr. Nur kurz. Ich könnte nicht länger. Aber sie kann auch nicht länger. Gestern ging es ihr das erste Mal wieder so gut, dass wir lachen konnten. Am meisten freute sie sich, als ich ihr sagte, ihr Vater sei eine rheinische Frohnatur gewesen. Sie freute sich, weil sie den Ausdruck wiedererkannte. So konnte sie sich nicht nur über ihn, sondern auch über sich freuen.
Sie spricht auch wieder. Das hört sich so an: "Ich war." Dann hört sie auf. Ihre großen blauen Augen strahlen mich an. Sie scheint eine Antwort zu erwarten. "Wo warst Du?", frage ich. "Ich war..." Beim vierten Versuch kommt "in der" und nach zwei weiteren Versuchen das Wort "Heide" hinzu. Das ist nicht sehr ergiebig. Zumal sie ja die letzten zehn Tage im Krankenhaus verbracht hatte. Ich frage also: "Lüneburger Heide?" Darauf antwortet sie sofort: "So genau weiß ich es nicht." Sie lächelt dazu wie eine Schülerin, die den jungen Lehrer darüber hinwegtrösten möchte, dass sie die Lateinvokabeln nicht gelernt hat.
Jetzt ist sie erschöpft. Sie dreht sich zur Seite. Sie spricht nicht mehr und sie reagiert nicht mehr, wenn ich sie anspreche. Dafür beginnt der Körper zu sprechen: Ihre rechte Hand pocht mit leichten Schlägen ununterbrochen auf die Brust, während die Beine unentwegt sich nach oben und unten bewegen. Gleichzeitig reibt sie die Füße aneinander. Keinen Moment liegt sie ruhig. Dann hört die Hand auf, die Brust zu schlagen, dafür strecken sich beide Arme jetzt aus und werden wieder eingezogen. Es sind keine zielgerichteten Bewegungen. Meine Mutter steuert sie nicht, sondern sie wird von ihnen gesteuert. Die Augen sind jetzt geschlossen.
"Hast Du Schmerzen", frage ich. "Nein. Nein" , wehrt sie ab. Sie öffnet die Augen und sieht mich an, als wäre es der absurdeste Gedanke überhaupt, dass sie Schmerzen haben könnte. Dann kommt der Satz des Tages: "Ist es nicht komisch, dass wir uns immer wieder sehen?"