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Times Mager: Zeitvertreib

Auf www.oneandother.co.uk kann man verfolgen, was 2400 Leute 100 Tage lang jeweils eine Stunde lang auf einem leeren Denkmals-Pfeiler auf dem Trafalgar Square treiben. Von Judith von Sternburg

Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Der Abend ist ewig die Geburtsstunde der Gespenster gewesen", schreibt Novalis, "frisch sogleich die Peitsche zur Hand und damit in der Stube geknallt, oder gezeichnet, oder das Gewehr auseinandergenommen oder die Uhr" ... oder wieder mal auf www.oneandother.co.uk geschaut. Auf dieser Internetseite kann man verfolgen, was die Teilnehmer der jüngsten Londoner Kunstaktion von Antony Gormley treiben (FR v. 7. Juli). Jeweils eine Stunde verbringen sie auf einem leeren Denkmals-Pfeiler auf dem Trafalgar Square. Rund um die Uhr geht das so, 100 Tage lang, 2400 Leute, dazu Zehntausende, die sich gerne noch hineinlosen lassen würden.

Der Pfeiler ist hoch. Ein Sicherheitsnetz und hundert zu unterschreibende Bedingungen sorgen dafür, dass es zu keinem gar zu großen Unfug kommt. Was bisher geschah: Neben Tänzern, Musikern, Lesern, Vorlesern, Verkleidungskünstlern gab es eine Frau, die ein Buchsbäumchen zurechtschnitt. Ein mitgebrachter Reisekoffer fiel ins Netz. Mehrere Personen warfen Süßigkeiten. Andere zogen sich aus/teilweise aus.

Einer von ihnen wurde kürzlich von der Polizei aufgefordert, sich bitte eine Unterhose überzuziehen. Er tat es sofort. Das Projekt spielt sichtbar unter Engländern, die gerne etwas Seltsames tun, aber ungerne unhöflich werden. Der Nackte war ein schönes Beispiel. Er stand da, trank etwas Wasser. Ein nacktes Männlein auf einem Sockel, der ihm zu groß ist, rührendes Denkmal menschlicher Mickrigkeit. Die Polizei wurde zu Recht ausgebuht.

Überhaupt sind die erfreulichsten Teilnehmer die, die einfach 60 Minuten dort oben existieren. Längst ist eine Debatte darüber entbrannt, was das soll. Und ob die Teilnehmer genug leisten. Blöde Debatte. Im Internet sieht man alles viel besser als jemals am Trafalgar Square, auch was war und was kommt. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Um 3 Uhr fährt der stets nette Mitarbeiter eine schlaftrunkene Frau hoch. Sie hat ein Schild dabei, auf dem steht: Der Mensch wird unterschätzt.

"Hurtig kehrt die Spannkraft ins Herz zurück", schreibt Novalis. Davon kann keine Rede sein. Es ist sauspät. Hätte man halt die Uhr auseinandergenommen.

Datum:  24 | 8 | 2009
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