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Times Mager: Zölibat

Verzicht ist eine ständige Provokation für die auf unbedingte, auch sexuelle Verfügbarkeit zielenden Konsumimperative unserer säkularen Gesellschaften. Von Christian Schlüter

Skandal im Sperrbezirk: Die jüngsten Missbrauchsfälle an jesuitischen Schulen scheinen wieder einmal zu bestätigen, dass Pädophilie und Päderastie einfach zur römisch-katholischen Kirche gehören. Und glaubt man einem weit verbreiteten Vorurteil, dann hat dies vor allem mit ihrer repressiven Sexualmoral zu tun. Eine frei ausgeübte, eine befreite Sexualität, so müssen wir das im Umkehrschluss verstehen, ist in jedem Fall das beste Mittel, um dergleichen Perversionen zu vermeiden.

Eine entsprechende Forderung an den Vatikan wäre also, den Zölibat abzuschaffen und gleich noch, gewissermaßen als große Lockerungsübung, den Frauen endlich die Priesterordination zu erlauben.

Nun weiß man allerdings, dass pädophile Neigungen auch dort im beträchtlichen Maße zum Zuge kommen, wo weit und breit keine Kirche in Sicht ist, weder eine katholische noch eine protestantische Überall dort eigentlich, wo wir es mit starken Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Alten und Jungen zu tun haben, etwa in Schulen, Familien. Wenn die repressive Sexualmoral ein Grund für sexuelle Perversionen ist, haben wir es folglich mit einem gesamtgesellschaftlichen und nicht bloß religiösen oder konfessionellen Phänomen zu tun.

Mit anderen Worten: Lassen wir den wenigen Menschen, die sich für ein Leben im Zölibat entschieden haben, ihre Würde und und ihr gutes Recht. In Wahrheit ist ihr Verzicht eine ständige Provokation für die auf unbedingte, auch sexuelle Verfügbarkeit zielenden Konsumimperative unserer säkularen Gesellschaften. Enthaltsamkeit ist auch eine Form der Kritik am Bestehenden.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  8 | 2 | 2010
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