Mehr als die Nachricht war es der jungenhaft giggelnde Ton, in dem Guido und Horst unlängst verkündeten, dass sie jetzt Du zueinander sagen. Während Schröder, Lafontaine und Fischer zu Beginn der rot-grünen Koalition ins Männerbündische tendierten, ist es nun ein kindlicher Unernst, der den Anfangsakkord vorgibt. Kanzlerin Merkel schien sich von der Szene zunächst pikiert abwenden zu wollen, wohnte ihr dann aber wortlos bei.
Wortreich, wenn auch nicht wortgewaltig, ist indes der Koalitionsvertrag ausgefallen, für den die Drei als Autoren zeichnen und der in den nächsten Jahren immer wieder hervorgezottelt werden wird, wenn das politische Geschäft bilanziert werden soll. "Wachstum. Bildung. Zusammenhalt" lautet der Dreiklang, mit dem die Koalitionäre auf Fahrt gehen wollen. Dass es dem Ganzen an Schwung, an einer übergeordneten Idee, an einem Projektgedanken mangelt, ist bereits hinreichend bemerkt worden. Koalitionsverträge sind keine Manifeste, die von der Veränderung der Welt künden. Der politische Einfluss auf wirtschaftliches Wachstum ist vergleichsweise gering, und dass Bildung als Willensbekundung eigens ausgerufen werden muss, könnte man schon als Problem der ganzen Veranstaltung beschreiben.
Aufmerksamkeit verdient indes die Vokabel Zusammenhalt, die von fern an die emphatischen Begriffe Brüderlichkeit und Solidarität erinnert. War die Brüderlichkeit nicht zuletzt eine antipatriarchische Parole gegen ein familiär geprägtes Machtgefälle, so drückte Solidarität bereits die Überwindung von Herkunftsbindungen aus. Sie war historisches Projekt und Versprechen unter Gleichen.
Zusammenhalt scheint einer Entwicklung sich auflösender gesellschaftlicher Bindungen Rechnung zu tragen. Wer nicht gelernt hat, für sich selbst zu sorgen, hat nur geringe Aussichten, auf die Gewinnerseite zu kommen. Zusammenhalt ist ein weicher Begriff, eine Absichtsbekundung, auf die man sich im Ernstfall aber wohl kaum wird berufen können. Familien halten zusammen, Freunde auch. Wer eine Gesellschaft auf Zusammenhalt verpflichten will, suggeriert, dass er nicht allzu viel in der Hand hat.