Neben Diktatoren und Werbegrafikern verstehen es Zahnärzte besonders gut, die Macht der Bilder für ihre Sache einzusetzen. Farbige Zeichnungen gesunder und schadhafter Gebisse lehren den Wartenden Mores und Respekt. Jüngere Besucher werden mit Kariesmonstern geschreckt, älteren reicht ein Wort wie Caries penetrans, um fortan ein besseres Leben zu führen.
Geht es aber daran, einen Zahn zu ziehen - mit Übertreten der Türschwelle heißt es nur noch: Extraktion -, werden visuelle Reize diskret gemieden. Offenbar geht es darum, den Patienten nicht hysterisch zu machen. Nicht vor der Zeit hysterisch zu machen. Auf dem Schwenktischlein über dem Behandlungsstuhl liegen unverfängliche Objekte zum Spiegeln und Stochern. Das schwere Gerät wird im Hintergrund vorbereitet.
Nun allerdings stellt die Helferin das Röntgenbild des Zahns bereit. Der Zwo-Achter, von dem nur eine Spitze heraussteht, schmiegt sich unterirdisch an seinen Nachbarn. Wie soll er von dort zutage gefördert werden? Dass die kluge Ärztin an dieser Stelle vom Zähnchen spricht, das wir (wir?) beschlossen haben zu entfernen, und vom Spritzchen, das es nun erst einmal gibt, bleibt weit unter den tausend Worten, die aber auch nicht mehr sagen würden als das eine Bildchen des reichlich tiefliegenden Zahns. Bilder, schreibt Alberto Manguel lapidar, "präsentieren sich uns sofort in ihrer Gänze": die Größe des Zahns, der längst kein Zähnchen mehr ist, sein Standort, der eher eine Vollnarkose als ein Spritzchen nahezulegen scheint. Nun ist der Patient durchaus in der Verfassung, toter Mann zu spielen und nämlich zu tun, als sei er gar nicht da.
Und schon legt die Ärztin Hand an mit der aus dem Off hereingereichten Zange. Und während sie zieht und stemmt und ihre Arbeit tut, taucht ein lustiges Bild aus Kindertagen auf. Es ist nicht zu vermeiden, sich für diesen sehr kurzen, sehr langen Moment zu fühlen wie eine Nachstellung einer Szene von Wilhelm Busch. Das ist immens entspannend im Moment höchster Problematik.
Im Triumph wird der Zahn in einer Plastiktüte nach Hause geführt. Einen Tag lang geht er der Umgebung auf die Nerven. Dann passieren wieder andere Sachen.