Ich bin also tot. Ermordet. Live im Morgenmagazin. Mit mir starben die Moderatorin und zwölf Zuschauer, darunter auch Kinder. Die Bombe wurde einem ahnungslosen Rentner untergejubelt, der mit im Publikum saß.
Täter? Radikale.
Yassin Musharbashs Roman „Radikal“ handelt von der Ermordung Lutfi Latifs, eines muslimischen Bundestagsabgeordneten der Grünen. Zwei Stunden nach dem Anschlag gibt es bereits ein Bekenner-Video der Al-Qaida, wenige Wochen später meldet das Bundeskriminalamt die Verhaftung eines verdächtigen Konvertiten. So weit, so klar, so brutal, so konventionell für einen Thriller über Terrorismus. Nur: in diesem Buch ist nichts so, wie es scheint. Denn die Radikalen sind hier nicht nur bei Al-Qaida zu finden, sondern auch in der Mitte unserer Gesellschaft. Sie verbindet mehr mit Bin Ladens Nachlassverwaltern, als ihnen lieb sein kann.
Latif ist der etwas andere Politstar. Er ist bekennender Demokrat – und Muslim noch dazu. Dass er dadurch automatisch ins Visier von Islamisten ebenso gerät wie in den Fokus von Nazis und Islam-Hassern, ist nahezu logisch. Eine unheilvolle Melange von einflussreichen Islam-Hassern und Al-Qaida-Kadern wird Latif am Ende zum Verhängnis, er wird getötet. Dabei ist Musharbashs Hauptverdienst, dass er den nur scheinbaren Widerspruch zwischen den Motiven von Islamisten und Islam-Hassern auflöst.
Aus der Geschichte der Weimarer Republik ist folgende Geschichte bekannt: Ein demokratischer Abgeordneter zeigt in einer Plenardebatte auf die äußersten Ränder des Parlaments nach links und rechts und sagt ihnen voraus, sie würden als erstes einander aufhängen, wenn einer von ihnen an die Macht käme. Ein Zwischenruf von ganz rechts in Richtung des Demokraten bringt eben diese Ränder zur Erheiterung: „Als erstes werden wir DICH aufhängen“.
Das ist das Thema dieses Romans. Lutfi Latif ist der Demokrat, Islam-Hasser und Islamisten ersetzen das klassische Rechts-Links-Schema. Das ist so konsequent wie realistisch, und dies wird uns spätestens seit dem schrecklichen Terroranschlag in Norwegen klar. Denn das, was Anders Breivik (im Roman das „Kommando Karl Martell“) und die Islamisten (nicht nur der Al-Qaida) am meisten stört, ist der freiheitliche Rechtsstaat und seine religiöse Neutralität. Diese Gemeinsamkeit wird bei Musharbash beängstigend realistisch dargestellt.
Der Roman „Radikal“ von Yassin Musharbash erscheint heute im Verlag Kiepenheuer & Witsch. 336. S. 14,99 Euro. Im Fadenkreuz von Fanatikern steht Lutfi Latif, ein charismatischer Politiker. Vom Kultstatus der Romanfigur abgesehen, erkennt sich unser Autor in vielen Zügen darin wieder.
Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter der Grünen, wurde 1975 in Teheran geboren. Er verließ 1988 mit seiner Familie den Iran und zog nach Frankfurt am Main. Seit 2009 ist er Sicherheitspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen.
Yassin Musharbash, Autor des Romans „Radikal“, ist ebenfalls 1975 geboren. Der Spiegel-Redakteur und Terrorexperte ist Sohn eines jordanischstämmigen Vaters und einer deutschen Mutter. Er wuchs in Bad Iburg auf, studierte Arabistik und Politikwissenschaften.
Die Stärke von „Radikal“ ist tatsächlich seine Radikalität. Der Roman ist radikal schonungslos, wenn es um das Benennen gesellschaftlicher Probleme geht. Das „Kottbusser Tor“ in Berlin wird als das beschrieben, was es ist: Ein sozialer Brennpunkt. Eine führende islamophobe Aktivistin ist dazu geworden, nachdem ihr tunesischer Ex-Mann sie jahrelang verprügelt hat. Und die wachsende Szene organisierter Islam-Hasser ist die authentische Kopie des Publikums Thilo Sarrazins.
Das Buch ist auch radikal direkt bei der Offenlegung der inneren Abgründe seiner Akteure. Die männliche Hauptfigur ist geplagt von Albträumen über Mohammad Atta, den Mastermind der Anschläge vom 11. September, den er noch in Hamburg kennen- und (ver-)schätzen gelernt hatte. Und der drogenabhängige Jugendliche, der den Sprengstoff hergestellt und an den Täter verkauft hatte, versucht sich selbst vor Gewissensbissen in einem Waldstück in die Luft zu jagen.
Bin ich Lutfi Latif?
Die Lehre des Buches ist so klar wie aktuell: Der gesellschaftliche Graben verläuft nicht zwischen Religionen, sondern zwischen Demokraten und militanten Radikalen aller Couleur. Der Islamist, der Nazi und der Islamhasser haben mehr miteinander gemein als der Islamist und der Demokrat muslimischen Glaubens. Die muslimischen Solidarität-Demonstrationen in Norwegen haben dies wieder einmal bewiesen.
Bin ich Lutfi Latif? Er ist ein Star, prominent wie ein Cem Özdemir oder ein Tarek Al-Wazir. Ich bin aber der einzige Bundestagsabgeordnete, der im Handbuch des Bundestags „Islam“ als Konfession angegeben hat. Der Glaube ist für mich absolute Privatsache; dieses Bekenntnis, gepaart mit dem Bekenntnis, ab und an einen „Schoppen“ zu trinken, heutzutage wohl ein Politikum. Die Hass-Mails, die Latif in Musharbashs Roman von Radikalen aller Art erhält, das verrückt-gefährliche „Manifest“ des Anders Breivik, die Kampfschriften der Al-Qaida: Sie alle kommen mir so bekannt vor, weil ich selbst seit Jahren ähnliche Hass-Mails erhalte – eben von Radikalen aller Art.
Wie geht man mit soviel Hass um? Latif sagt zurecht, dass man sich von Radikalen nicht mundtot machen lassen darf, denn sonst hätten diese gewonnen. Er hat ohne Zweifel recht. Und doch lese ich immer wieder die erschütternde Passage, in der Latifs Frau und seine zwei Kinder von seinem Tod erfahren. Ist das der Grund, aus dem manche andere muslimische Abgeordnete nicht gern über ihre Konfession reden? Das bleibt ihre Privatsache.
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