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09. Februar 2010
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Günter Wallraff

"Bild noch immer Vernichtungsmaschine"

Journalist Günter Wallraff über seine Feindschaft zur Springer-Zeitung, seine jüngsten Undercover-Projekte und warum er auf der Abschussliste von El Kaida steht.
Herr Wallraff, lesen Sie die Bild-Zeitung noch?

Ich lese Bild schon aus hygienischen Gründen nicht. Bild ist publizistische Umweltverschmutzung.

Seit Kurzem gibt sich Bild selbstkritisch, öffentlich im Internet - auch mit Prominenten wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder Hellmuth Karasek als Blattkritikern.

Zur Person
Bekannt wurde der Buchhändler, Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff (66) mit seinen "unerwünschten" Reportagen aus deutschen Großbetrieben, in denen er von 1963 bis 1965 arbeitete.

Seitdem gelang es ihm immer wieder, in die Innenbereiche von Wirtschaft und Staat einzudringen, um über skandalöse Arbeitsverhältnisse zu berichten. Dazu schlüpfte er jedes Mal in andere Rollen. Als Hans Esser schlich er sich etwa in die Redaktion der Bild-Zeitung ein, als Türke Ali erkundete er die Arbeitswelt "Ganz unten". Jüngst recherchierte er in Call-Centern und einer Backfabrik.

Wallraff arbeitet derzeit wieder verdeckt an neuen Reportagen, die bald als Buch erscheinen, Titel: "Aus der schönen neuen Arbeitswelt".
Ja, die beiden habe ich mir angehört. Zuerst dachte ich, das ist Satire, aber es war ernst gemeint. Bei unserem Außenminister und SPD-Kanzlerkandidaten hatte man schwer den Eindruck, dass er sich durch Anbiederung Vorteile verschaffen wollte. Als Erstes attestierte er Bild doch tatsächlich "Enthüllungsjournalismus in eigener Sache", so dass es sogar dem Bild-Chefredakteur peinlich schien und er zum Schluss sagte: "Sie hätten ruhig mal etwas strenger mit uns sein können."

Aber Herrn Karasek kennen und schätzen Sie doch?

Ja, ich kannte ihn noch als ernstzunehmenden Kritiker. Aber wie er sich auf der Überholspur durchschleimt, ist unfassbar. Da biedert er sich beim Bild-Chef an: "Herr Diekmann, die Bild-Witze, das ist sehr gut, und mir gefällt heute der Blondinen-Witz besonders gut." Und dann erzählt er die Witze noch mal und sagt: "Wie Sie wissen, ist das meine Lieblingsrubrik." Dann endet das Gesäusel mit einem Auftrag an Karasek. Gönnerhaft bietet der Bild-Chef ihm an, er könne ja seine 100 Lieblingswitze in einer Serie in Bild veröffentlichen. Der Professor katzbuckelt und bedankt sich artig. So geht es weiter, da ist nicht der Hauch einer Kritik.

Warum hat die Bild-Zeitung solche Fürsprecher nötig?

Weil das Blatt Auflage verliert. Das Image der Zeitung ist auch bei Durchschnittslesern nicht besonders: Man liest es zwar, aber man glaubt es nicht so richtig. Von diesem Image wollen sie weg.

Das Schmuddel-Image scheint aber selbst Meinungsführer aus dem eher linken Lager nicht abzuschrecken, die dort zuweilen schreiben.

Zwischendurch ist es tatsächlich der Fall, dass Personen zu Wort kommen, die man dort nicht erwartet. Kommentare von Daniel Cohn-Bendit zum Beispiel. Das hat ihm aber nicht geholfen. Als eine Europa-Wahl anstand, wurde er fast wie ein Kinderschänder dargestellt, der im antiautoritären Kinderladen zu freizügig gewesen sein soll. Im Wahlkampf ist Bild das Kampfblatt für die jeweils rechtere Position.

Sie haben die Machenschaften der Bild-Zeitung Ende der 70er in drei großen Enthüllungsbüchern dargelegt. Ist Bild heute harmloser geworden?

Bild ist immer noch eine Vernichtungsmaschinerie. Als Bundeskanzler hat Helmut Schmidt mal gesagt, es komme einem politischen Selbstmord gleich, sich mit Bild und der Springer-Presse anzulegen. Das bekommen nach wie vor viele zu spüren, die das wagen. Die werden abgeschossen - Journalismus als Menschenjagd.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, nachdem Sie sich als Reporter mit dem Namen Hans Esser in die Redaktion eingeschlichen hatten?

Schon bevor mein Buch erscheinen sollte, ging eine Artikelserie los, Verfolgertrupps hefteten sich an meine Fersen - die schnüffelten bis in meine Kindheit hinein! Sie standen bei meiner Mutter in der Wohnung, die glaubte, sie hätte es mit Freunden zu tun. Es wurde auch mein Telefon abgehört und die Gespräche in die Bild-Redaktion Köln übertragen. Das war ein illegaler Lauschangriff, der vom BND bewerkstelligt wurde und der dann aufflog. Die Bild-Redakteure als Nutznießer sind vor Gericht gestellt und mit Bußgeldern belegt worden.

Heute ernten Sie sogar Lob vom Erzfeind, von Bild-Kolumnist Franz-Josef-Wagner.

Dieser delirierende Mensch, der sein Unverdautes rauskotzt! Der ist mir irgendwann in Berlin mal über den Weg gelaufen und sagte: "Ihre Call-Center-Recherche, das war eine große Nummer." Ich sagte nur: "Für Sie war und bin ich immer noch die ,Feder des Bösen'." So hat er mich mal in einem seiner Blödel-Pöbel-Kommentare genannt. Aber in so einem Blatt ist das ja fast eine Ehrung. Auf gewissen Feindschaften bestehe ich.

Helfen Sie immer noch den Opfern von Bild-Berichten?

Ja, ich habe damals einen Rechtshilfefonds gegründet. Der hat gerade den Rechtsstreit eines Mannes unterstützt, der von Bild am Sonntag verleumdet wurde. Die Zeitung wird nun mit 30 000 Euro Schmerzensgeld zur Kasse gebeten. Ich halte den Hilfsfonds mit meinen Honoraren am Laufen, und ein Anwalt kümmert sich um die Fälle. Es gab bislang mehr als 100.

Bild-Chef Kai Diekmann fühlte sich auch einmal als Medien-Opfer. Er verklagte die taz, weil die ihm satirisch eine missglückte Penis-Verlängerungs-Operation angedichtet hatte.

Da hat er mal in homöopathischer Dosis erlebt, was Bild in übelster Weise mit Menschen macht, wenn Unwahrheiten millionenfach verbreitet werden. Ich habe immer wieder Menschen getroffen, die nach Rufmordgeschichten der Bild-Zeitung in dieser Wehrlosigkeit Gefühle entwickelten, die ihnen sonst fremd waren, die sagten: "Den Reporter bringe ich um!" Und es zum Glück nicht getan haben. Ich habe Abschiedsbriefe von Menschen, die sich das Leben genommen haben nach Verleumdungsgeschichten der Bild-Zeitung. Dass nun ausgerechnet Diekmann zum Richter geht und Schmerzensgeld will - absurd! Da ist er ja nun wunderbar gescheitert. Das Gericht stellte fest: Wer sein Auskommen durch Ehrverletzungen von anderen bestreitet, der muss sich selbst auch einiges gefallen lassen.


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Dokument erstellt am 14.10.2008 um 16:32:01 Uhr
Letzte Änderung am 14.10.2008 um 22:20:14 Uhr
Erscheinungsdatum 15.10.2008
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