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10. Februar 2010
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Daniela Dahn

"Gier ist das Wesen des Systems"

Die Schriftstellerin über falsche Sündenböcke und unsere Schuld an der Krise.
Frau Dahn, einige sehen in der aktuellen Krise das Ende des Turbokapitalismus, für andere macht er nur eine Pause. Was meinen Sie?

Wo ist denn die Grenze, vom bösen Turbo zum guten Kapitalismus? Man kann jetzt den Eindruck gewinnen, mit einem besseren internationalen Finanzsystem wäre alles gerettet. Das bezweifle ich. Die Finanzspekulanten bewegten sich zwar abgekoppelt von der Realwirtschaft, aber nicht jenseits unserer allgemein akzeptierten Lebensweise. Im Gegenteil, sie verkörpern die Kultur, die sich durchgesetzt hat. Die Gier ist kein Auswuchs, sondern Wesen, ja Existenzbedingung des Systems. Am Grundsatz der Profitmaximierung wird sich so schnell nichts ändern.

Wie kann der Staat der Gier begegnen?

Sehen Sie wie selbst die Schweden, entgegen der Tradition des Skandinavischen Modells, ihre Banken retten. Der Staat übernimmt Kreditgarantien und gründet einen Stabilitätsfonds, dafür müssen die Banken dem Staat eine Gebühr bezahlen. Doch für die Bankaktionäre wird kein Verzicht auf Dividende gefordert. Das staatliche Programm soll für sie keine Einbußen bedeuten. Die Manager müssen jetzt überall zur Strafe ihre Gehälter senken. Denen wird vorgeführt, dass sie in Wahrheit gar nicht die Mächtigen sind. Das bleiben die, von denen sie angestellt und von deren Renditeforderungen sie schon lange vor sich hergetrieben worden sind: die Aktionäre. Doch von Eingriffen ins Aktionärsgesetz ist nichts zu hören. Wenn die Politik jetzt nicht couragiert über die Verfügungsgewalt über Eigentum nachdenkt, bleibt alles beim Alten.

Zur Person
Daniela Dahn ist Journalistin und Schriftstellerin. 2004 erhielt sie den Börne-Preis, Laudator Jorge Semprún bezeichnete sie als "Kritikerin der Verhältnisse par Excellence".

Geboren in der DDR, arbeitete sie dort als Fernsehjournalistin. Aus Unzufriedenheit über das System gab sie ihren Beruf 1982 auf und wurde freie Autorin in Berlin. 1989 war sie Gründungsmitglied des "Demokratischen Aufbruchs".

Sie setzt sich ein für Grundrechte, Datenschutz und Demokratie in verschiedenen Vereinen und Protestbewegungen. Dahn ist stellvertretende Vorsitzende des Willy-Brandt-Kreis e. V.
Also tragen eigentlich die Aktionäre die Hauptschuld am Crash? Ist das nicht ein bisschen einfach?

Aktionäre, Manager und Politiker sind sicher die drei Hauptsünder, aber der schwarze Peter bleibt letztlich bei der Politik. Sie hat sich von der Wirtschaft korrumpieren und das Heft aus der Hand nehmen lassen. Sie hat all die Gesetze verabschiedet, die jetzt an den Abgrund geführt haben und sie hat versäumt, die zu verabschieden, die wenigstens ein paar hohe Hindernisse in den Weg gestellt hätten. Doch wir müssen uns auch bewusst machen, dass die Politiker in einer Demokratie eigentlich nur machen können, was der Souverän ihnen erlaubt. Insofern ist es wenig hilfreich jetzt nach einzelnen Sündenböcken zu suchen und zu rufen: Ich war's nicht, der Alan Greenspan ist's gewesen. Wir haben doch seit langem gewusst, dass es kommt. Natürlich ist der Einfluss des einzelnen Bürgers oft unerträglich begrenzt. Aber alle, die sich gutgläubig Zertifikate haben aufschwatzen lassen, die neoliberale Parteien gewählt haben, statt in die Gewerkschaft einzutreten und sich aufzulehnen, tragen ein Stückchen Verantwortung mit.

Sie haben stets die Privatisierung öffentlicher Belange kritisiert. Nun beobachten wir eine Gegenbewegung: Banken werden verstaatlicht, Regierungen geben Geld gegen mehr Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung?

Ich bin zumindest misstrauisch, denn die Spielregeln zur Hilfe haben im Wesentlichen wieder einmal die Banker selbst gemacht. Nicht jede Verstaatlichung ist ja schon eine Sozialisierung. Von Einfluss auf wirklich unternehmerische Entscheidung habe ich noch nichts gemerkt. Das Ganze sieht doch sehr nach einem Schutz für Banker von Bürgern aus. Fiktives Geld wird durch reales gewaschen. Uns wird gesagt, wenn wir dieses Risiko nicht eingehen, unser Geld für den so harmlos klingenden Banken-Schutzschirm zu geben, wird es uns noch viel schlechter gehen. Wir werden praktisch in Geiselhaft genommen. Wenn die Banken ganz marktwirtschaftlich in die Insolvenz gingen, dann bekämen wir keine Kredite mehr und dann bräche alles zusammen. Ich kann das nicht beurteilen. Und ich fürchte, dass es eigentlich niemand kann, weil hinter allen Antworten statt Vernunft Interessen stehen.

Wenn das Rezept für eine gesellschaftliche Neuordnung nach der Krise nicht nur "mehr Staat" heißt, was muss noch geschehen?

Turbokapitalismus: In unserer Debatte kommentieren Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Finanzkrise.

Hintergründe zur Finanzkrise im Spezial: Die Finanzkrise und ihre Folgen
Ich habe keine Rezepte, aber jetzt wäre der Zeitpunkt, alle Gewissheiten zu hinterfragen. Was ist so schlecht daran, wenn wir uns eine Zeitlang nicht durch ungedeckte Kredite weiterverschulden? Denn die staatlichen Zusagen sind im Ernstfall ungedeckt, wenn nicht die Druckerpresse angeworfen werden soll. Was wäre also so schlecht daran, nur mit dem zu wirtschaften, was den Banken ohne Stütze bleibt und was wir haben? So wenig ist das ja nicht. Sicher, wir müssen dann unseren Konsum einschränken. Aber dass dieser Punkt kommt, sagt uns doch die Klimakatastrophe auch schon lange. Wann, wenn nicht jetzt? Angeblich werden Arbeitsplätze verloren gehen. Bei einer radikalen Arbeitszeitverkürzung nicht unbedingt. Schiebt man einen Baustein, ändert sich die ganze Statik. Aber genau das muss sein. Im privatkapitalistischen Wirtschaftssystem gibt es zu viele Anreize, die dem Gemeinwohl widersprechen. Die Börse stimuliert falsch, sie setzt ohne Vernunft auf kurzfristige Gewinne. Werden Leute entlassen, um die Verbleibenden härter auszubeuten, steigen die Kurse. Werden Opfer durch langfristig nötige Investitionen gefordert, gibt es Kursverluste. Auf das Grundproblem hat bisher niemand eine Antwort: Ohne Wachstum verhungert die Marktwirtschaft, mit Wachstum erstickt sie.


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Dokument erstellt am 27.10.2008 um 17:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 07.03.2009 um 11:50:59 Uhr
Erscheinungsdatum 28.10.2008
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