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09. Februar 2010
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Interview mit André Shepherd

"Meine Regierung brach mir das Herz"

Irak-Veteran André Shepherd ist der erste US-Soldat, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hat. Im April 2007 ist er desertiert. In den USA droht ihm dafür sogar die Todesstrafe. Er aber sagt: "Ich kann nicht mehr an diesem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen."
Mr. Shepherd, wie fühlt man sich als Vaterlandsverräter?

Einerseits denke ich, ich muss verrückt gewesen sein, zu desertieren und als erster US-Soldat in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Andererseits bin ich erleichtert und habe das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Nach dem Asylantrag kann ich endlich in der Öffentlichkeit sagen, was ich denke und fühle.

Wann und wie sind Sie desertiert?

Am 11. April 2007, kurz vor dem erneuten Abmarsch in den Irak, entfernte ich mich von der Truppe. Wir waren damals in Süddeutschland stationiert. Dort tauchte ich unter. Ich lebte bei Freunden und habe mich gefühlt, als ob ich nicht existiere. Dabei musste ich auch vorsichtig sein, um nicht von der Polizei aufgegriffen und ausgeliefert zu werden. Ich lebte in permanenter Angst.

Gab es brenzlige Situationen?

Ich bin zweimal kontrolliert worden. Die Beamten dachten, ich sei ein illegaler afrikanischer Arbeiter. Als ich meine Papiere als US-Soldat zeigte, ließen sie mich aber gehen. Jetzt lebe ich in einem Asylbewerberheim und bin bis zum Ende des Verfahrens vor einer Auslieferung sicher.

Die US-amerikanischen Medien gehen Sie teilweise scharf an, Ihre Landsleute beschimpfen Sie im Internet…

Klar, in den USA ist man ein Held, wenn man der Armee beitritt. Die Leute schauen zu dir auf. Du bist der Verteidiger der Freiheit. Doch wenn du der Armee den Rücken kehrst, auch wenn du einen guten Grund hast wie ich, dann sehen dich viele Amerikaner als jemanden, der die Nation betrogen hat. Die denken, ich hätte die Jungs im Irak verraten.

Zur Person
André Shepherd aus Ohio will in Deutschland als Flüchtling anerkannt werden. Der 31-Jährige und sein Anwalt argumentieren, die EU-Staaten seien durch die Qualifikationsrichtlinien dazu verpflichtet, Soldaten aufzunehmen, die nicht an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen wollen. Dazu zähle der Irak-Feldzug. Shepherds Fall ist bislang einzigartig. Er ist kein politisch Verfolgter oder Mitglied einer verbotenen Partei. Beides anerkannte Gründe für einen Asylantrag.

Sollte er abgelehnt werden, wird er den US-Behörden überstellt. Wird er anerkannt, muss er damit rechnen, nie mehr in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.

Sein Dilemma besteht auch darin, dass er den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak ablehnt, nicht aber das Militär. In diesem Fall hätte er Chancen gehabt, als Verweigerer anerkannt zu werden. Er wollte aber nicht den Marschbefehl verweigern, denn "ich habe nichts falsch gemacht".
Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Ich habe lange Zeit nicht mit ihnen kommuniziert, keine Post, keine Anrufe. Ich wollte sie schützen, wollte nicht, dass das FBI oder andere nach mir suchen. Erst an Weihnachten 2007 sprach ich mit ihnen. Dann erst wieder kurz bevor ich den Asylantrag stellte. Für meinen Vater war es zunächst schwer, meine Entscheidung zu akzeptieren. Er war stolz, dass ich zur Armee gegangen bin. Er sprach dann aber viel mit meinem Großvater, der sich intensiv mit dem Irakkrieg auseinandergesetzt hat. Jetzt versteht mein Vater meine Situation und unterstützt mich - wie meine ganze Familie.

Wann werden Sie Ihre Familie wieder sehen?

Das weiß ich nicht. Ich werde Deutschland nicht so bald verlassen können. Und selbst wenn ich Asyl bekomme, kann ich wohl auf keinen Fall zurück in die USA. Meine Verwandten müssen schon hierher kommen, und ich weiß nicht, ob und wann sie das tun werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Das kann ich nicht beantworten. Mein Anwalt und ich glauben, das Gesetz ist auf unserer Seite. Die EU-Qualifikationsrichtlinien sagen, die Staaten der Union müssen Soldaten einen Flüchtlingsstatus gewähren, wenn diese nicht an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen wollen. Der Irak-Krieg ist ein Aggressionskrieg, der ganz klar gegen die Charta der Vereinten Nationen verstößt. Er ist völkerrechtswidrig. Andererseits sind die Vereinigten Staaten ein mächtiges Land. Sie werden alles tun, um meine Anerkennung als Flüchtling zu verhindern. In Deutschland wiederum sind rund 60 000 US-Soldaten stationiert. Viele von ihnen wollen auch nicht in den Irak. Wenn ich mit meinem Antrag erfolgreich sein werde, könnten einige meinem Beispiel folgen. So oder so - ich werde wohl lange auf eine Entscheidung warten müssen.

Sie leben also von einem Tag auf den anderen?

Ja.

Keine Gedanken an die Zukunft, keine Träume?

Nun, wenn sich die Dinge positiv entwickeln, würde ich gerne mein Studium zu Ende bringen und irgendwann ein eigenes Unternehmen gründen. Ich möchte eine Familie, und ich möchte reisen.

Wenn Ihr Antrag abgelehnt wird, werden Sie wohl den US-Behörden überstellt. Ihnen drohte dann eine mehrjährige Haftstrafe oder gar die Todesstrafe.

Ja.

Bereuen Sie es manchmal, die Armee verlassen zu haben?

Nein. Ich würde es wieder tun. Wir haben im Irak zu viele Menschen getötet und zu viel zerstört.

Wann haben Sie zum ersten Mal an Ihrer und der US-Mission im Irak gezweifelt?

Das war ein langer quälender Prozess. Angefangen hat es während meines Einsatzes im Irak, wo ich als Mechaniker für den Kampfhubschrauber AH-64A-Apache in Camp Spiecher in der Nähe von Tikrit stationiert war. Im November 2004 begann die Offensive in Falludscha. Am Ende eroberten alliierte Einheiten die Stadt, die etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad liegt. Dorthin waren angeblich tausende Aufständische und Terroristen geflüchtet. Es gab ein Ultimatum, damit Zivilisten die Stadt verlassen konnten. Die Bilanz des Einsatzes fand ich erschreckend: Nach US-Angaben wurden 1200 Aufständische und 700 Zivilisten getötet. 65 Prozent der Häuser waren zerstört. Das hatte nichts mehr mit dem Ziel zu tun, den Irakern Frieden und Freiheit zu bringen.

Wann haben Sie all das herausgefunden?

Vor Ort erfuhren wir fast nichts. Die Piloten und die Vorgesetzten sagten, die Einsätze seien geheim. Von den Einheimischen, die in unserem Camp arbeiteten, erfuhr ich auch nichts. Kaum einer von ihnen sprach Englisch. Mit meinen Kameraden konnte ich auch nicht reden. Schließlich gilt der Grundsatz: Wer an dem Einsatz zweifelt, gefährdet die Mission.


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Dokument erstellt am 10.12.2008 um 16:44:02 Uhr
Letzte Änderung am 15.05.2009 um 09:20:29 Uhr
Erscheinungsdatum 11.12.2008
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