Vor den Toren von Bil'in schreien die Menschen nach "Freiheit für Palästina" - die israelischen Soldaten schreien: "Halt!" Und: "Keinen Schritt weiter!" So fängt es an.
Wenn die ersten Dorfbewohner den Grenzzaun erreichen, der sich quer durch ihre Felder zieht, heult bedrohlich auf der anderen Seite der Motor des Wasserwerfers auf. Wenn sie an den Maschen rütteln, fegt sie der gewaltige Strahl von den Beinen. Sie schleudern Steine auf die Soldaten, die feuern mit Gasgranaten zurück. Menschen sacken zu Boden, Menschen fliehen. Wenn sich der beißende Rauch verzieht, der einem die Sicht vernebelt und die Luft abschnürt, überzeugen gummiummantelte Geschosse den Rest, dass es nun an der Zeit ist zu gehen. So endet es.
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk meist schon wieder vorbei.
Seit vier Jahren geht das schon so. An jedem Freitag, dem muslimischen Ruhetag, kurz nach dem Mittagsgebet. Die israelischen Soldaten in dem kleinen Wachturm können inzwischen die Uhr danach stellen. Dann zieht die kleine Menschenmenge aus Bil'in mit ihren Fahnen den kleinen Hügel hinunter. Vorbei an steinigen Feldern und alten Olivenbäumen, auf einer schlecht geteerten Straße bis zum Zaun, der das Westjordanland auf 759 Kilometern von Israel abriegelt. Die Israelis nennen ihn in ihrer Sorge vor Anschlägen "Sicherheitsbarriere", die Palästinenser sagen "Mauer". In Bethlehem ist der Zaun neun Meter hoch und aus Beton.
Früher waren es stets Volksfeste, freitags in Bil'in, 1800 Einwohner, im Osten Ramallah, im Westen Tel Aviv. Früher tagte das Dorfkomitee, das den Widerstand organisiert, bis tief in die Nacht. Tagelang, sagt Mohammed Khatib, haben sie sich "den Kopf darüber zerbrochen, was wir als Nächstes auf die Beine stellen". Sie haben Figuren aus Pappe gebastelt und Traktoren geschmückt, haben Plakate bemalt und sind zur Grenze marschiert. Am 20. Februar 2005 zum ersten Mal.
Manchmal haben Musiker gespielt. Manchmal haben sie gesungen. "Es waren stets friedliche Proteste", sagt Khatib, das Gesicht von Bil'in, ein hagerer Mann mit stolz geschwellter Brust. Friedlich, sagt er, "sind sie noch immer" - aber friedlich enden sie nicht. Am Ende kommt der Wasserwerfer, das Tränengas, die gummiummantelten Geschosse. Wie viele dabei im Laufe der Jahre verletzt wurden, kann niemand so genau sagen.
An diesem Freitag treffen sich noch die üblichen Verdächtigen in Bil'in, Männer und Jungen aus dem Dorf, Mitglieder der israelischen Linken, eine Handvoll vielleicht. Dazu Helfer internationaler Organisationen, die die Demonstrationen Woche für Woche dokumentieren, ein Reporter aus Deutschland und vier Japaner in bunten Hemden.
Einmal kam eine Gruppe Dänen mit dem kleinen Bus aus Ramallah. Die Dänen haben sich traditionelle Tücher um die Köpfe gewickelt, sie sahen aus wie Jassir Arafat auf den vergilbten Plakaten an dem kleinen Laden, oben, an der Hauptstraße. Sie haben sich Armbänder in den palästinensischen Farben gekauft und gefragt, wie gefährlich Tränengas ist. Als die Bewohner von Bil'in anfingen, mit Steinen zu schmeißen, standen die Dänen in der ersten Reihe.



Bookmark
Verlinken





