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Leitartikel

Preis für Intoleranz

Navid Kermani, Schriftsteller und Muslim, bekommt den Hessischen Kulturpreis nicht. Das ist eine kardinale Lektion über kulturelle Offenheit in Staat und Kirchen.
ARNO WIDMANN

Natürlich hat jeder das Recht, einen ihm verliehenen Preis abzulehnen. So lehnte Fuat Sezgin den hessischen Kulturpreis ab, weil er nicht mit Samuel Korn auf einem Podium stehen wollte. Kardinal Lehmann setzt dem jetzt allerdings eins drauf. Er möchte nicht neben Navid Kermani auf dem Podium stehen und verzichtet nicht etwa auf die Auszeichnung, sondern fordert die Hessische Staatskanzlei auf, ihm den Preis zu überreichen, aber ihn Kermani abzuerkennen. Eine kardinale Lektion in der christlichen Tugend der Bescheidenheit.

Kardinal Lehmann und der ehemalige Präsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau Peter Steinacker, der einst über Ernst Bloch und die Mystik promovierte, wollen nicht mit einem zusammen prämiert werden, der Anstoß nimmt am Kreuz und der Kreuzestheologie. Die hessische Staatskanzlei erschrak nicht und sagte: verdammt noch mal, da scheinen wir die falschen erwischt zu haben. Nein, sie folgte dem Vorschlag von Kardinal Lehmann und zeichnet die beiden Herren zusammen mit Salomon Korn aus als Bürger, die "in besonderer Weise zu einer toleranten, weltoffenen, zukunftgewandten Perspektive der deutschen Gesellschaft beigetragen haben".

Darf die Kirche den Staat erpressen?

Das Land Hessen vergibt einen Kulturpreis - einer der Preisträger ist ein Kardinal und wirft die Macht seines Amtes in die Waagschale, damit ein anderer den Preis aberkannt bekommt - ist das zulässig?


Der Apostel Paulus schrieb an die Korinther: "Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit." Das Kreuz ist ein Ärgernis seit zweitausend Jahren. Das wissen die Herren Lehmann und Steinacker, das predigen sie sogar. Aber wehe, sie stehen einem gegenüber, der es ernst meint mit dem Ärgernis. Da sind sie nicht mehr stolz darauf, der Stachel im Fleisch zu sein. Da rufen sie nach der Obrigkeit.

Das ist eine verständliche Reaktion. Welcher Fromme lässt sich schon gerne Gotteslästerung vorwerfen? Aber es ist keine preiswürdige Reaktion. Ja, es ist eine unwürdige Reaktion. Sie ist mies.

Ebenso mies ist es, solche Reaktionen mit einem Preis für Toleranz und Weltoffenheit zu prämieren. Toleranz beginnt dort, wo das Einverständnis aufhört. Sie ist nötig, wir sind auf sie angewiesen, nicht weil wir unterschiedliche, sondern weil wir gegensätzliche Meinungen haben. Und weil wir diese Meinungen ernst - manchmal tödlich ernst - nehmen. Wären wir gleichgültig, brauchten wir keine Toleranz.

Der Hessische Kulturpreis soll, so das Kuratorium, hinweisen "auf die Abhängigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse vom friedlichen und gemeinschaftsbildenden Einfluss der Religionsgemeinschaften." Das ist gründlich daneben gegangen. Deutlich geworden ist vielmehr, wie wichtig die Pazifizierung der Totalitätsansprüche der Religionsgemeinschaften durch den Staat ist. Religion ist sicher "ein entscheidender Bestandteil des kulturellen Lebens einer freien Gesellschaft". Ob sie aber selbst zur Freiheit in dieser Gesellschaft beiträgt, hat weniger mit der Religion als mit den Umständen zu tun.

Einem einen Preis für Toleranz geben, ist eine schöne Sache. Wie viel schöner ist es, gleich vier einen Preis für Toleranz zu geben! Die stehen dann zusammen auf der Bühne und dass sie so schön nebeneinander stehen, zeigt, wie tolerant sie sind. Katholiken, Protestanten, Juden und Muslime. So lässt das Abstraktum Toleranz sich fotografieren. Es wäre eine schöne Feierstunde geworden, träumte die Hessische Staatskanzlei. Wir hätten begeistert darüber geschrieben. Den Schritt nach vorn gelobt und uns auf die Schulter geklopft, wie herrlich weit wir es doch gebracht haben. Vor dieser Selbstbeweihräucherung hat uns der Kardinal bewahrt und uns die Realität ins Gedächtnis gerufen. Dass nämlich wir alle nicht nur glauben, die Wahrheit zu haben, sondern auch glauben bestimmen zu können, wie über sie geredet wird.

Abschaffen lässt sich dieser Impuls nicht. Wir müssen versuchen ihn zu zähmen. Das ist die Arbeit der Toleranz. Nicht erst seit wir sie so nennen. Sondern seit es Menschen gibt. Wir vergessen das immer wieder. Vor diesem Vergessen ist niemand, sind auch fromme Christen nicht gefeit. Den beiden Kirchenmännern sei noch einmal der alte Paulus-Text in Erinnerung gerufen, der ein wenig klarmacht, welche Haltung man von ihnen erwarten müsste: "Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu..."
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Dokument erstellt am 15.05.2009 um 17:32:05 Uhr
Letzte Änderung am 16.05.2009 um 11:08:06 Uhr
Erscheinungsdatum 15.05.2009
Kommentare
1. Was bitte soll das?
Sie schreiben das Kreuz sei ein Ärgerniss?
Ihre Zeitung ist eine Schande für Deutschland, eine wirkliche Schande, deren es nicht gegeben sein sollte zu existieren.
Ich hoffe der verwantwortliche Redakteur arbeitet nicht mehr bei ihnen, das was er sich leistete ist eine grenzenlose unverschämtheit.
In ihrer Zeitung wird gelogen un betrogen wo es nur geht.
Christen werden gehasst, deutschland beleidigt, wieso schreibt ihr nicht gleich in der Türkei? Dort findet ihr bestimmt mehr absatz als in deutschland.



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2. Ach Herr Widmann
Und der Herr sprach:

Der Klügere gibt nach.
Bis er der Dümmere ist.

Sie sollten diesen Artikel mal im Iran o. ä. Ländern, bezogen auf den Islam, versuchen zu veröffentlichen. Sie schaffen das.
(Zumindest einmal).
Ich geh jetzt schon mal meine Verbrennflaggen hervorholen...



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3. Sie irren lolwtf!
Ich habe Arno Widmann bei anderer Gelegenheit schon hart kritisiert, diesmal kann ich nur jedem Wort seines Kommenars zustimmen.

Allenfalls vermissen tue ich ein Wort zu der Tatsache, dass Peter Steinacker, sich hier unter dem Talar Kardinal Lehmanns mitsegelnd, nicht vielmehr erklährt hat, er könne nicht mit einem Vertreter Roms auf einer Bühne stehen, dessen Oberhaupt die evangelische Kirche schlicht zu einer Nichtkirche erklärt hat, dass die evangelische Kirche insgesamt mehr Anstrengungen macht, komplett unter den Rock Petris zu schlüpfen als den Geist des Evangeliums im Sinne der Reformation zu verwirklichen.

Schließlich: ad lolwtf: Nicht Widman hat geschrieben, das Kreuz sei ein Ärgernis, sonder er erinnerte an diesen 2000 Jahre alten Diskussionsstrang im interreligiösen Dialog.



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4. Lesen und verstehen...
...scheint wohl nicht jeder ernst zu nehmen. Guten Tag, Herr Widmann, vorweg möchte ich mich bei der FR dafür bedanken, dass sie sich dieses Themas annimmt. Um ehrlich zu sein, mich interessierte der "Hessische Kulturpreis" -wie viele andere sogenannte Kulturpreise- bisher nicht so sehr, denn ich würde eher eine Erzieherin würdigen, die in ihrem Alltag mehr zur Völkerverständigung beiträgt als die Herren, um die es hier geht.. Ich stimme aber mit Ihnen in Ihrem Artikel überein, nur vermisse ich hier den Hinweis, dass Herr Kermani in seinem Artikel für die NZZ, um den es in dieser Posse wohl geht, von der Ablehnung des Kreuzes gar zur Empathie findet und meint sich am Rande der Konversion zu fühlen. Das hätte vielleicht den einen oder anderen Kommentar hier erspart.



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5. Sie haben eindeutig Recht, Herr Widmann
Lieber Herr Widmann,

Sie haben mit Ihrem Kommentar eindeutig Recht. Die Absage von Sezgin war für sich genommen schon eine peinliche Verweigerung demokratischer Höflichkeit - die Borniertheit, zweier angesehener Kirchenmänner, die Ausladung eines integren Mannes wie Navid Kermani (man lese seine Texte und informiere sich über seine Biografie!) macht nicht alleine die Idee des Preises, sondern auch das bereits bei Lessing ("Nathan") begonnene Projekt inter-religiöser "Verständigung" zur Farce. Besser wäre es, das Land Hessen bewiese jetzt Mut und zeichnete nur Korn und Kermani aus - oder, besser noch, er ersetzte Steinacker und Lehmann durch Hans Küng und Friedrich Schorlemmer, die wie die Bischöfe gute Christen sind, aber sicherlich über mehr Toleranz, Demut und Verstand verfüg



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