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Eurovision Song Contest

Bescheidener Wunderknabe

VON HANS-HERMANN KOTTE

Es ist wohl sein Bubencharme gewesen, der über alle Zielgruppen und Ländergrenzen hinweg funktionierte. Er knipste sein Lächeln an, das trotzdem nicht wie angeknipst wirkte. Und dann wirbelte er mit seiner Geige und dieser altmodischen Weste über die Bühne - als Fiddler on the Roof, eine Figur, die seit Jahrzehnten im popkulturellen Gedächtnis herumfiedelt. "Fairytale" hieß das schmissige Liebeslied - Märchen kennt man ja auch überall.

Alexander Rybak, 23, gebürtiger Weißrusse aus Norwegen, hat den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen - mit neuem Punkte-Rekord. Von mehr als der Hälfte der abstimmenden Länder erhielt Norwegen die maximalen 12 Punkte, am Ende waren es 387. Damit lag das Land weit vor Island und Aserbaidschan.

Alex Sings Oscar Swings, das deutsche Duo, kam mit der Swing-Disco-Nummer "Miss Kiss Kiss Bang" nur auf Rang 20. Eine weitere Pleite für den deutschen ESC-Veranstalter NDR - im vergangenen Jahr waren die No Angels auf Platz 23 gekommen.

Rybak, der den dritten Sieg für Norwegen holte, ist Profi durch und durch. Er begann schon mit fünf Jahren Geige und Klavier zu spielen. Komponieren kann er auch, er leitetet ein Jugendsinfonieorchester. Ein Art Wunderkind, das aber nicht allzu streberhaft wirkt. Humor bewies er beim Wettkampf auch noch: Nach seinem Triumph sagte er auf Norwegisch: "Ich komme am Montag um 11 Uhr auf dem Osloer Flughafen an, wäre schön, wenn mich dort fünf, sechs Leute begrüßen würden …"

Gegen Rybak sahen viele alt aus, das deutsche Duo besonders. Weder die Personen noch der Song konnten überzeugen. Alex und Oscar waren als programmierter Erfolg gedacht: Man nehme einen Spezialisten für prolligen Pop ("Du hast den schönsten Arsch der Welt"), einen schwulen Musical-Sänger und eine Edel-Stripperin. Sex sollte es bringen. Doch Burlesque-Tänzerin Dita von Teese wirkte wie ein Fremdkörper - mit viel Nacktheit konnte sie ohnehin nicht punkten, da die Veranstalter ihr nach der Probe untersagt hatten, Nippel zu zeigen - selbst bedeckte. So oder so ging die Kalkulation nicht auf, da fehlte die gewisse Restwärme. "Ungeil" sei das Ergebnis, kommentierte Alex nach der Niederlage.

Programmierter Erfolg


Wie der programmierte Erfolg dagegen funktionieren kann, zeigten die Briten und Franzosen. Für die Insel ging die Musical-Legende Andrew Lloyd-Webber mit einer monumentalen Schmonzette an den Start, gesungen von der jungen Interpretin Jade Ewen. Der Komponist, der wahrlich keine Schönheit ist, setzte sich selbst an den Flügel. Doch auch seine schildkrötenhafte Erscheinung konnte einen respektablen fünften Platz nicht verhindern.

Und die Franzosen schlugen sich mit dem modernen, aber sehr klischeehaften Chanson von Patricia Kaas ausgesprochen gut: immerhin achter Platz. Aber vielleicht hat der Erfolg dieser beiden Vertreter von "Old Europe" auch mit den veränderten Regeln zu tun? Schwer zu sagen, welche Wirkung die nationalen Jurys hatten, die diesmal neben dem Televoting der Zuschauer wieder mit entscheiden durften.

Die Jurys sollten die angebliche Vormachtstellung der Osteuropäer - die vielgescholtenen Freundschaftspunkte für benachbarte Nationen gab es dennoch. Der Song Contest war eine große Show: Bühne und Lichtanlage waren riesig und schufen für jeden Song eine originelle Atmosphäre, dazu Showeinlagen des Cirque du Soleil, eine Live-Schalte zur Raumstation ISS. Es hätte ein Märchen, "Fairytale", sein können. Hätte.

Denn es war eine Schande, wie die russische Staatsmacht brutal gegen Schwule und Lesben durchgriff, die die internationale Aufmerksamkeit für ihre Gay-Parade nutzen wollten. Nach den Verhaftungen blieben sichtbare Zeichen der Solidarität von Seiten der nach Moskau gereisten schwulen ESC-Fans aus. Auch die Künstler im Saal und die Offiziellen der Eurovision hielten still.

In der Auftakt-Show der ARD wurde der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer zum Polizeiübergriff befragt. Er meinte, dass man Russland noch Zeit geben müsse, damit sich dort eine Toleranz wie im Westen entwickeln könne; auch die Russen würden die Schwulen doch eigentlich lieben. Das waren schwache, letztlich feige Äußerungen und schwerlich als Kaminers übliche Ironie zu verstehen. Er erwies sich als ein etwas anderer Märchenerzähler.
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Dokument erstellt am 17.05.2009 um 15:24:02 Uhr
Letzte Änderung am 18.05.2009 um 11:05:43 Uhr
Erscheinungsdatum 18.05.2009
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