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Deregulierung der Wirtschaft

So sprachen sie vor der Krise

Von Sebastian Dullien

Spätestens seit der Finanzkrise ist das Wort "Deregulierung" in der deutschen politischen Debatte verbrannt sind sich doch heute Volkswirte wie Politiker weitgehend einig, dass es mangelnde staatliche Aufsicht und zu laxe Regeln waren, die der Weltwirtschaft die schwerste Krise seit 80 Jahren beschert haben. Und die öffentlichen Haushalten ächzen unter der Krisenlast von mehreren Hundert Milliarden Euro.

Selten hat sich ein Sinneswandel so schnell vollzogen: Nicht einmal vier Jahre ist es her, dass viele Politiker in Deutschland gar nicht rasch genug den staatlichen Einfluss über die Wirtschaft abbauen wollten.

Noch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2005 schrieb die CDU/CSU: "Wir entschlacken die Vorschriften zum Kreditwesengesetz und führen die bestehende Überregulierung bei der Bankenaufsicht auf das notwendige Maß zurück."

Der Autor
Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin.
Das Lockern von Regeln auf den Finanzmärkten war dabei nur ein Teil der breiten Deregulierungs-Agenda: Zumindest Union und FDP forderten den Abbau von Schutzvorschriften auf dem Arbeitsmarkt, etwa den Kündigungsschutz.

SPD und Grüne waren in der rot-grünen Koalition nicht nur für den Rückbau des Sozialstaates im Rahmen des Reformpaketes "Agenda 2010" verantwortlich, sondern lockerten auch die Regeln etwa für Hedge-Fonds in Deutschland. Unterfüttert wurde all dies von entsprechenden Empfehlungen renommierter Wirtschaftswissenschaftlern.

Kaum ein Politiker vertritt heute noch solche Thesen im Gegenteil. Jeder will schon immer gewusst haben, dass eigentlich der Finanzsektor deutlich mehr, nicht weniger Aufsicht braucht. Kanzlerin Angela Merkel verweist so zwar regelmäßig auf ihre Forderungen beim G8-Gipfel in Heiligendamm, verschweigt indes die Forderungen aus ihrem Wahlprogramm 2005.

Um den Bürgern vor der aktuellen Wahl einen Überblick zu geben, welcher Politiker und welcher Politikberater in den fünf Jahren vor der Krise, die im Sommer 2007 begann, tatsächlich undifferenziert Deregulierung gefordert hat und bei welchen Politikern sich eher ein ausgewogener Forderungskatalog findet, hat die Hans-Böckler-Stiftung eine entsprechende Studie bei mir in Auftrag gegeben.

Dabei wurde nicht nur die Frage nach der Finanzmarktderegulierung untersucht, sondern alle wirtschaftspolitisch aktuellen Fragen mit einbezogen, von der Debatte um die Lockerung des Kündigungsschutzes zur Frage nach mehr privater Vorsorge bei Renten- und Krankenversicherung bis hin zum Abbau des Flächentarifs und der Begrenzung von Manager-Gehältern.

Für die Studie wurden dazu Reden, Gastbeiträge und Interviews führender Wirtschaftspolitiker in 34 tonangebenden deutschen Tages- und Wirtschaftsmedien ausgewertet. Aus diesen Daten wurde ein Index errechnet, der angibt, wie deutlich sich eine Persönlichkeit für Deregulierung stark gemacht hat.

Ein Wert von 100 Prozent bedeutet, dass der entsprechende Politiker sich in allen untersuchten Themenfeldern für einen Rückbau des Staates ausgesprochen hat, ein Wert von null, dass er bei keiner der untersuchten Fragen für weniger Staat plädierte.

Das Ergebnis: Viele Politiker vor allem von Union und FDP waren radikal für den Rückbau des Staates in allen Bereichen. Und: Volkswirte in Deutschland waren weit einmütigere Verfechter von einem radikalen Rückbau des Staates als die meisten Politiker.

Insgesamt war unter den Politikern erwartungsgemäß Guido Westerwelle von der FDP der vehementeste Deregulierungsverfechter. In der Auswertung findet sich keine einzige Äußerung, wo der FDP-Politiker sich für mehr Gesetze, Kontrolle oder Staat eingesetzt hätte.

Ihm folgen in der Rangliste Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) mit einem Deregulierungs-Index-Wert von 87,5 Prozent und Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) mit einem Wert von 81,3 Prozent.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Oskar Lafontaine und die führenden Forscher abschneiden.


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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 10.07.2009 um 17:28:11 Uhr
Letzte Änderung am 31.07.2009 um 16:51:24 Uhr
Erscheinungsdatum 10.07.2009 | Ausgabe: fr
Kommentare
1. Was hat der Kündigungsschutz mit der Wirtschaftskrise zu tun???
Deregulierungsforderungen schön und gut, nur warum wird hier nicht auf direkte Zusammenhänge mit der Krise geachtet?!

Im Übrigen nützt die beste Regulierung nichts, wenn die Märkte von den Zentralbanken, wie z.B. vor allem von der FED und Greenspan, mit Liquidität vollgepumpt wurden. Dass diese in Fehlinvestitionen landen muss hat Hayek schon vor Jahrzenten vorausgesagt. Stichwort: Monetäres Überinvestitionstheorem.
Hat man DARAUS etwas gelernt? Im Gegenteil!
Die Regulierungsdebatte ist ein Nebenkriegsschauplatz, es geht primär um die Rolle der Zentralbanken!



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2. Regulierung nicht nur im Finanzsektor
Ein guter und interessanter Artikel. Dass sogar P. Bofinger bei über 50% lag, überrascht mich und zeigt tatsächlich zusammen mit den anderen Daten, wie subjektiv es auch in vermeintlich objektiven, wissenschaftlichen Kreisen zugeht. Übrigens werden einige Dinge oft vergessen: Auch das Verbot von Sklaverei und Kinderarbeit und vieles Mehr sind Regulierungen! Und weltweit werden sie oft missachtet, trotz ILO Konventionen etc. Auch bei Importwaren wird zu wenig darauf geachtet. Und nicht zuletzt: Dringend geboten für das Allgemeinwohl, sogar der Menschheit und künftiger Generationen, wäre eine Verpflichtug, dass Energiekonzerne einen höheren Anteil ihrer Gewinne in Erneuerbare Energien investieren, nicht nur 10 oder 20%, nein 90% oder 95%. Die Lage ist zu ernst und Eigentum verpflichtet.



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3. Friedman und Hayek....
... beherrschen im Grunde nach wie vor den aktuellen Wirtschaftsglauben in D!
27 Jahre (seit '82) Umerziehung an den wirtschaftswissenschaftlichen Faktultäten bekommt man in in einem Jahr nicht aus den Köpfen heraus!



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4. @ berni
Wie hat Einstein so schön gesagt: Man kann ein Problem nicht mit denselben Köpfen lösen, die es geschaffen haben.



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5. ... uund so sprechen sie nach der Krise
Blauäugig, wer glaubt es werde sich grundlegend etwas ändern. Erst kürzlich konnte der Beobachter bei einer hochkarätig besetzten Veranstaltung über Auswirkungen der Finanzkrise auf Entwicklungsländer erfahren, wie Ökonomikprofessoren, Referatsleiter aus dem Bundesfinanzministerium und VertreterInnen der sog. Zivilgesellschaft in Einigkeit die Krise allein im Fehlverhalten einiger Manager begründet sahen und die neoklassische Mantren Deregulierung und Privatisierung als Lösung der Krise hinstellten.
Sollten wir uns nicht endlich von dem Glauben lösen, dass eine "Wissenschaft" wie die der Wirtschaft, die uns mit mathematischen Modellen vorgaukelt, den "exakten" Naturwissenschaften nahe zu stehen, neutral im Spiel um gesellschaftliche Macht- und Reichtumsverteilung stünde?



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