Julius Leineweber ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Nach fünf Jahren in Frankfurt habe er "die Hessen lieben gelernt", verrät Leineweber auf der Internetplattform Xing. Mal war er nach eigenen Angaben im Telekommunikations-Vertrieb tätig, dann in der Immobilienbranche, dann sucht er plötzlich "Druckmaschinen aller Art". Frankfurt ist eine gute Stadt, findet Leineweber, der sich im Internet auch mit einem Foto präsentiert und stolz auf seine Ehrenmedaille der Bundeswehr ist.
Doch ob seine Zuneigung zur Region künftig noch auf viel Gegenliebe stößt, darf bezweifelt werden. Leineweber war Geschäftsführer der CSS-Marketing GmbH in der Frankfurter Solmsstraße 18. Und dort ist offenbar mit den Daten von anderen einiges schiefgelaufen: Hunderte Bewerbungsunterlagen, die arbeitssuchende Menschen an diese Firma geschickt haben, sind abhanden gekommen, wurden im Internet gehandelt und liegen nun der Frankfurter Rundschau vor.
Die Kiste voller persönlicher Daten, Bewerbungsfotos, Lebensläufen und Zeugnissen von hunderten Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet wurde am 16. Juli 2009 beim Internet-Auktionshaus Ebay versteigert. Angeblich standen lediglich 500 leere gebrauchte Bewerbungsmappen zum Verkauf. Für nur 10 Euro ersteigerte ein Schreibwarenhändler aus Paderborn die Ware und staunte nicht schlecht, als er das Paket öffnete: "Es war in fast jeder Mappe noch die komplette Bewerbung drin!" Der Händler wollte die Kiste nicht aufbewahren und übergab sie der Frankfurter Rundschau.
Spezial: Überwacht

Lidl, Bahn, Telekom, Daimler, Müller: Wie dreist Firmen ihre Mitarbeiter bespitzeln. Das Spezial: Überwachte Beschäftigte.
Vor seinem Abtauchen hatte der Geschäftsführer im Internet und in Zeitungsanzeigen viele Mitarbeiter "für unsere Telekommunikationsabteilung" gesucht. Gleich 46 Stellen waren angeblich frei. Und seine Firma stellte Leineweber als Vertriebspartner der Telekom dar. Geboten wurde ein Vollzeit-Job in Festanstellung mit gutem Verdienst, sowie Spaß in einem "europaweiten Team". Doch die Telekom weiß nichts von ihrem angeblichen Partner: "Die Firma CSS Marketing ist bei uns nicht als Vertriebspartner geführt", stellt ein Telekom-Sprecher klar. "Es bestand zu keiner Zeit ein Vertriebsverhältnis."
Vorschriften
Nach einer erfolglosen Bewerbung müssen die Bewerbungsunterlagen grundsätzlich vernichtet oder an den Bewerber zurückgegeben werden. Nach Angaben des Bundesbeauftragten für Datenschutz darf der Arbeitgeber die Unterlagen nur aufbewahren, um sich gegen einen etwaigen Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot nach dem Antidiskriminierungsgesetz (AGG) verteidigen zu können.
Spätestens zwei Monate nach Zugang der Ablehnung an den Bewerber müssen die Unterlagen auf jeden Fall zurückgegeben oder vernichtet werden. Auch das Bewerbungsschreiben gehört zu den sensiblen Unterlagen. (thie)
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"Wir erleben sehr oft, dass sich bei Firmenauflösungen niemand um die Mitarbeiterdaten kümmert", sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Bewerbungsschreiben seien hochsensible Unterlagen, die nicht an Dritte weitergegeben werden dürften. Mit der Vielzahl persönlicher Daten könnten Kriminelle im großen Stil Identitätsdiebstahl betreiben. Die Unterschriften, Fotos und Adressen könnten für illegale Geschäfte genutzt werden. Bewerbungsunterlagen müssten immer entweder zurückgeschickt oder vernichtet werden, sagt Weichert. "Was hier passiert ist, ist definitiv illegal". Die FR wird die Kiste der Datenschutzabteilung des Regierungspräsidiums Darmstadt übergeben.
Für die Piratenpartei zeigt der Vorfall, "wie schnell man die Kontrolle über seine Daten verlieren kann", so Sprecher Thorsten Wirth. "Die Staatsanwaltschaft muss eingeschaltet werden", sagt er. "Wir fordern restriktiveren Datenschutz und mehr Macht und Befugnisse für Datenschützer."
Im Internet hatte ein Ebay- Nutzer mit dem Pseudonym "Hoffnung88" die Mappen verkauft. Nach FR-Recherchen handelt es sich dabei um einen jungen Frankfurter namens K., der sich als "Fachoberschüler" bezeichnet, jedoch nichts zu dem Vorgang sagen will. Gut möglich, dass K. nur derjenige war, der in Leinewebers Firma zuletzt aufräumen musste. Die Verantwortung für die Datensicherheit trage der Geschäftsführer, so Datenschützer Weichert. Laut Bundesdatenschutzgesetz seien Strafen bis zu 300 000 Euro möglich.


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