Selten ist die Nationalmannschaft so gut vorbereitet in ein derart wichtiges Spiel gegangen: Der gefürchtete Kunstrasen wird von erfahrenen Freizeitkickern aus der FR-Sportredaktion mit den Augen der Stars betrachtet - und er verliert seinen Schrecken.
Thomas Tuchel kann Joachim Löw in den nächsten Tagen ein hervorragender Ratgeber sein. Der Trainer des Fußball-Bundesligisten Mainz 05 hat nämlich ein volles Jahr lang vier- bis fünfmal pro Woche mit der Mainzer A-Junioren-Meistermannschaft auf genau dem Kunstrasenplatz trainiert, auf dem die Nationalmannschaft sich von Dienstag bis Donnerstag hermetisch abgeriegelt auf das mit Hochspannung erwartete WM-Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland (Samstag, 17 Uhr) vorbereitet.
Genau wie im Luschniki-Stadion liegt hinter dem Bruchwegstadion in Mainz ein Untergrund der Marke Fieldturf Tarkett, ein Produkt mit Namen "Prestige XM", den auch die FR ausgiebig testete (folgende Seiten). Es ist die dritte und modernste Generation, von Fifa und Uefa mit dem höchsten Gütesiegel zertifiziert und seit 2004 für Wettbewerbsspiele der Champions League, EM- oder WM-Qualifikation zugelassen.
Dass ausgerechnet das wichtigste Länderspiel des Jahres das allererste überhaupt auf künstlichem Untergrund ist, gefällt Löw ganz und gar nicht. Und auch Tuchel war mit seinem Mainzer Nachwuchs anfangs sehr skeptisch, auf dem im Dezember 2007 errichteten Kunstrasenplatz trainieren zu müssen, "weil ich Knie- und Adduktorenverletzungen befürchtete". "Diese Skepsis", sagt der 36-Jährige, "ist schnell verflogen." Aber Tuchel sagt auch: "Das Spiel verändert sich auf Kunstrasen grundlegend. Ein Pass muss ganz exakt in die Bewegung gespielt werden, sonst kommt er nicht an, es ist eine wahnsinnig schnelle Passfolge möglich, Stürmer haben den Vorteil, dass sie sich mit einer Körpertäuschung viel besser freie Schussbahn erarbeiten können, weil Gegenbewegungen für Abwehrspieler enorm schwierig sind."
Insgesamt, so Tuchel, sei es "schwierig", sich in nur drei Tagen auf einen derart ungewohnten Belag vorzubereiten. Andreas Ivanschitz, neuer Mainzer Spielmacher, berichtet aus seiner Zeit beim Kunstrasen-Klub Red Bull Salzburg, dass die Gewöhnung an die Polyethylen-Fasern ein langwieriger Prozess sei, "deshalb haben wir vor jedem Heimspiel die ganze Woche darauf trainiert." Lange Pässe habe ihm der Trainer damals sogar verboten, "gerade wenn der Platz nass ist." Auch der aktuelle Salzburger Chefcoach Huub Stevens betrachtet die Sache aus Sicht der Deutschen skeptisch: "Sie sind im Nachteil, weil sie nie auf Kunstrasen spielen. Es ist ein anderes Spiel, die Bewegungsabläufe sind anders." Felix Magath, Trainer von Schalke 04, schimpft gar: "Wenn dieser Belag nicht wäre, bräuchten wir uns für das Russland-Spiel keine Sorgen zu machen. Es ist auf alle Fälle eine Wettbewerbsverzerrung."
Löw hat nur keine Möglichkeit den russischen Vorteil rückgängig zu machen. Der Bundestrainer müht sich, entspannt zu wirken: "Wir müssen uns eben in der kurzen Zeit darauf einstellen. Diese Situation bedeutet ja nicht, dass wir das Spiel nicht gewinnen können." Der Kunstrasen dürfe kein Alibi sein. Teammanager Oliver Bierhoff erklärt die Angelegenheit gar zum "Tabuthema", wohlwissend, dass Russland im Luschniki-Stadion seine bisherigen Länderspiele gewann - neben dem jüngsten 2:0 gegen Aserbaidschan auch ein wegen des Untergrunds in den britischen Medien hysterisch diskutiertes 2:1 gegen England am 17. Oktober 2007 in der EM-Qualifikation. 21 von 23 russischen Kaderspielern kennen den Kick auf Kunstrasen, das berufene Sextett von ZSKA und Spartak Moskau trainiert und spielt regelmäßig darauf.
Der Kunstrasen-Test im Video:
Die Brisanz der Platzfrage wird auch in der Pressemitteilung deutlich, die der DFB jüngst versandte, als die Mutmaßung aufkam, Deutschland präpariere sich auf dem falschen Teppich. Tatsächlich sind die in einer Gummimatte verwebten Fasern in Moskau 63 statt wie in Mainz 40 Millimeter lang; pro Quadratmeter sind fast 20 statt acht Kilo Gummigranulat verfüllt. Im Luschniki-Stadion liegt nämlich keine zusätzliche elastische Tragschicht darunter, wie es die deutsche Industrienorm vorschreibt. Dennoch seien Rollverhalten des Balles und Kraftabbau der Spieler identisch, beteuert der DFB.
Auch André Kastigen von der Firma Heiler Sportplatzbau, die für 700.000 Euro den Mainzer Kunstrasenplatz baute, versichert: "Die Plätze in Moskau und Mainz sind absolut vergleichbar." Generell ist der synthetische Rasenplatz ja auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Mehr als 3000 Kunstrasenplätze gibt es schon, jährlich kommen 300 dazu. "Für jedes Feld, das im Jahr mehr als 800 Stunden bespielt werden muss, ist Kunstrasen die beste Lösung", sagt Kastigen, aber der 41-Jährige gibt auch zu: "An einen vernünftig gepflegten Naturrasen kommt immer noch kein Kunstrasen dieser Erde an."