Was lehrt uns der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini über gesellschaftliche Konflikte in Deutschland, genauer über kulturelle Konflikte zwischen einander fremden Gruppen wie Russlanddeutsche und Moslems?
Es gibt natürlich Spannungen zwischen diesen Gruppen. Aber es wäre eine Ausfluchtstrategie, auf die man übrigens gerne zurückgreift, wenn man jetzt ausschließlich auf Auseindersetzungen zwischen ethnischen Gruppen schaute. Denn das Problem beschränkt sich nicht auf Russlanddeutsche, sondern der Mord wirft ein Schlaglicht auf einen bisher wenig beschriebenen Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Dafür spricht auch, dass es seit dem 11. September 2001 vermehrt Pöbeleien gegenüber Frauen mit Kopftüchern gibt.
Gerade die Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Diese ist in den 2000er Jahren deutlich nach rechts gerückt . Die bürgerliche Mitte verurteilt zwar Hass und Gewalt rechter Randgruppen gegen Ausländer, aber es gibt zunehmend Äußerungen aus dieser Mitte, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Machte jemand solche Äußerungen über Juden, würde das einen Skandal auslösen.
Denken Sie in diesem Zusammenhang auch an die Äußerungen von Thilo Sarrazin über Kopftuchmädchen und türkische Wärmestuben?
Ja. Herr Sarrazin ist ja kein Rechter. Seine Worte sind Äußerungen aus der Mitte der Gesellschaft, die in der Bevölkerung auf große Zustimmung stoßen. Das ist das Schlimme.
Zur Person
Professor Werner Schiffauer ist Kulturanthropologe an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration.
Das ist auch die Haltung, die aus dem Interview von Herrn Sarrazin spricht. Und sie ist weit verbreitet. Gemeint ist: Ein sichtbarer Islam, ein Islam mit Kopftuch, hat in Deutschland nichts zu suchen. Die Mitte der Gesellschaft stellt eine Minderheit an den Pranger.
In welchem Maße trägt das zu Gewalt gegen Ausländer bei?
Es gibt eine Grundstimmung in der Gesellschaft, die einem Täter das Gefühl geben kann, in Übereinstimmung mit der Mehrheit zu handeln. Der Mord an El-Sherbini war auch die Tat eines Außenseiters. Der Russlanddeutsche Alex W. ist in Deutschland nie angekommen. Der Frust darüber war wohl auch ein Motiv. Rassismus gedeiht dort, wo sich jemand ausgegrenzt fühlt.
Die Russlanddeutschen kamen tatsächlich mit der Illusion des Versprechens nach Deutschland, Teil der Gesellschaft zu sein, und hier erleben sie Diskriminierung und Ausgrenzung. Gleichwohl gilt: Ausländerfeindlichkeit ist nicht nur ein Phänomen bei Russlanddeutschen. Nehmen Sie die sogenannten "ausländerfreien Zonen" in Ostdeutschland. Hier sind es die Sitzengebliebenen, die den Hass auf Ausländer schüren. Und es gibt die Ausgeschlossen in Westdeutschland, das ganze rechte Spektrum.
Wie müsste die Politik darauf reagieren?
Sie müsste wesentlich stärker ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es Rassismus in Deutschland gibt. Und dass es ihn nicht nur Randgruppen gibt. Sie müsste eine Kultur der Auseinandersetzung mit allen Einwanderergruppen und Minderheiten schaffen.
Wir haben erfolgreich Standards im Umgang mit den Juden oder auch mit den Homosexuellen etabliert, auf die die deutsche Gesellschaft stolz sein kann. Das ist keine Garantie gegen Gewalt, aber Voraussetzung dafür, Gewalt zu bekämpfen. So könnten wir den Opfern das Gefühl geben, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Das Katastrophale an dem Mordfall war auch, dass Muslime den Eindruck gewinnen mussten: Es ist gefährlich, sich wie Marwa El-Sherbini zu wehren. Und die verzögerte politische Reaktion war mehr als skandalös: Letzlich hat die deutsche Politik erst reagiert, als sie merkte, wie es in Ägypten brodelte.


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