Kalt ist es, sehr kalt. Der Schnee knirscht beim Gehen unter den Schuhen. Dick vermummte Menschen eilen vorbei. Am Eingang aber bleiben die meisten Besucher doch kurz stehen, zeigen auf das Schild über ihren Köpfen, einige zücken ihre Fotoapparate, machen schnell ein Bild. "Arbeit macht frei" prangt da oben. "Es ist eine Kopie", erklärt eine Reiseführerin, "das Original muss restauriert werden." Dann erzählt sie in Kurzform die jüngste Odyssee des zynischen Schriftzuges, den Diebstahl des fünf Meter breiten Metallteils.
Nun bemühen sich Restauratoren des Museums, den Schriftzug zu reparieren. Die Gäste, die nach Auschwitz kommen, um den 65. Jahrestag der Befreiung des deutschen Lagers zu begehen, werden unter der Kopie hindurchgehen müssen.
Der weltweite Aufschrei im Anschluss an den Diebstahl hat deutlich gemacht, welche Bedeutung das Vernichtungslager mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende im historischen Gedächtnis der gesamten Menschheit einnimmt. Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis, die industrielle Vernichtung von Leben. Dem 190 Hektar großen Komplex aber, der schon im Jahr 1947 zum Museum umgewandelt worden war, droht der Zerfall. Ganz profaner Geldmangel setzt dem Erbe zu.
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Die Befreiung von Auschwitz
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Doch das reicht längst nicht mehr, um dem fortschreitenden Verfall Einhalt zu gebieten. An den Ruinen der Gaskammern und den Baracken nagen Regen, Frost und Wind. Vor allem das Grundwasser setzt den Gebäuden zu. In Birkenau stehen die Fundamente der 45 Baracken im ständig feuchten Untergrund. Einige der Bauten des Lagers mussten aus Sicherheitsgründen bereits für Besucher geschlossen werden. Zudem greifen Überschwemmungen die Bausubstanz immer wieder an.
Erhöhung und Verlängerung des Dammes zur nahen Weichsel sind seit Jahren geplant, scheiterten allerdings vor allem an der Finanzierung. "Wenn wir nicht jetzt grundlegende Konservierungsmaßnahmen beginnen, wird man uns vorwerfen, dieses Weltsymbol des Holocaust zerstört zu haben", warnt Wladyslaw Bartoszewski, selbst einst Häftling des Lagers, über Jahre polnischer Außenminister und heute der Vorsitzende des Internationalen Auschwitzrates.
Die Erinnerung müsse gerettet werden, fordert der inzwischen 85-Jährige noch einmal kurz vor dem Jahrestag. Allein die Besucherzahlen zeigten, wie wichtig die Gedenkstätte sei. 2009 haben rund 1,3 Millionen Besucher das ehemalige KZ besichtigt. Bartoszewski betont, dass darunter 800.000 Jugendliche gewesen seien. Vor Monaten wurde vom Internationalen Auschwitzrat die Idee geboren, einen Fonds einzurichten. Nicht nur die polnische Regierung, sondern auch die EU-Partner sollten sich an der Erhaltung der Gedenkstätte beteiligen. Wladyslaw Bartoszewski erinnert daran, dass Menschen aus vielen Ländern Europas hier ermordet worden seien.
120 Millionen Euro müssten im Fonds gesammelt werden. Museumsdirektor Piotr Cywinsk rechnet mit Zinserträgen von rund fünf Millionen Euro pro Jahr, was eine solide Basis wäre, um die notwendigen Renovierungsarbeiten zu finanzieren. Die Hilfsbereitschaft der Staaten hält sich angesichts der Wirtschaftskrise allerdings in Grenzen, beschränkt sich auf Zusagen. 60 Millionen Euro hat Berlin bereits in den Fonds einbezahlt.
Nicht über die Tragödie definieren
Es gibt allerdings auch eine andere Perspektive der jüdischen Geschichte in Polen. So kämpft die kleine jüdische Gemeinde im Land ums Überleben, und manchem ihrer Mitglieder ist die Fokussierung auf den Holocaust zu einseitig. In der Tat besuchen die meisten Juden aus Übersee das Land lediglich, um kurz nach Auschwitz zu fahren und dann ihre Reise durch das andere, das schöne Europa fortzusetzen.
Um überlebensfähig zu werden, dürfe man sich nicht nur "über die Tragödie definieren", sagt Jonathan Ornstein, Direktor des Zentrums der Jüdischen Gemeinde in Krakau, nur etwa 40 Kilometer von Auschwitz entfernt. Die Geschichte der Juden in Krakau sei mindestens 1000 Jahre alt und habe nicht im Jahr 1945 geendet, betont der junge Amerikaner, der seit acht Jahren in Polen lebt. Natürlich müsse man die Erinnerung bewahren, davon ist er zutiefst überzeugt, doch nicht in ihr verharren. Deshalb hat er sich zum Ziel gesetzt, die jüdische Gemeinde in Krakau wieder aufzubauen und zu zeigen, dass sie eine lebendige Gemeinschaft ist. Gelinge ihm das, sagt Ornstein, sei das auch ein Sieg über den Ausrottungswahn der Nazis.


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