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19. März 2010
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Kolumne

Lieber Florian Gerster!

Von Mely Kiyak

Sie sind aber auch eine gerissene Nervensäge. Hochachtung! Respekt! Ich wette, Sie baden gerade in Weinbrand und waschen sich die Haare mit Kaviar.

Vorigen Sonntag dachte ich, Mensch, dieser Gerster, lümmelt auf dem Talkshow-Sofa, hat der keine Arbeit? Braucht er was, muss er verliehen werden? Wenig Geld, fieser Chef, wieso nicht für mich arbeiten?

Der Reihe nach: Ich schaute Anne Will und hoffte, mir nichts Ekliges dabei einzufangen. Sie redeten über den "atmenden Arbeitsmarkt", Ihr Lieblingsspielzeug. So wie kleine Mädchen verträumt am Schwanz ihrer Diddlmaus zwirbeln, zwirbeln Sie an den Rändern unserer Arbeitsmarktpolitik an den Zotteln der Schwächsten. Sie erklären also Ihre Logik über den Arbeitsmarkt, der, damit er schön atmen könne, Menschen als moderne Sklaven beschäftigen muss. Bis Donnerstag, so hoffte ich, hätte ich meine Gehirngrippe, die ich mir beim Zuschauen einfing, auskuriert. Ich hätte an dem Abend im hohen Bogen ausatmen können.

Mir ist ohnehin schleierhaft, weshalb Polittalkmoderatoren jemanden ins Studio bestellen, der über Moral, Ethik und Effizienz in der Arbeitswelt reden soll, aber gefeuert wurde, weil er bewies, wie man es auch anders machen kann. Nur zur Erinnerung: Sie waren noch für eine Viertelmillion Euro Jahresgehalt plus Dienstwohnung im Luxushotel plus drei Dienstwagen unfähig, Ihren Job als Chef der Bundesanstalt für Arbeit auch nur eine Legislaturperiode lang auszuüben, ohne im hohen Bogen rauszufliegen. So jemanden nennt man einen Nichtbringer. Sich nicht einmal zwei Jahre lang für viel Geld am Riemen reißen zu können, bedeutet, lieber Flori, dass Sie im Niedriglohnsektor unbrauchbar wären.

Beharrlich behaupten Sie, dass Zeitarbeitsfirmen erstrebenswerte Vergnügungstempel wären. Sie würden helfen, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Diese Woche erfuhren wir dann, dass Sie sich gründlich irrten. Die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt, Ihre Meinung bleibt unverändert.

Grund: Sie sind der Präsident des Arbeitgeberverbands Neue Brief- und Zustelldienste. Private Zusteller schließen sich zur "Mail Alliance" zusammen und unterbieten Löhne. Dadurch wird es zu Entlassungen bei der Post kommen. Was aber nicht schlimm ist. Denn schon an der nächsten, schummrigen Ecke wartet ein Kumpanero, der in der Wunderkiste Zeitarbeitsfirma aus ehemaligen Postbediensteten Sklaven in Lohn und Brot bei einem Ihrer neuen lokalen Postzusteller macht. Und Sie immer mittendrin. Wenn es auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders klebrig zugeht, schmieren Sie stets heftig mit. Donnerstag kippten die obersten Richter wegen eines Formfehlers den Post-Mindestlohn. Sicher kommen Sie aus dem freudig erregten Atmen gerade nicht heraus. Wie gesagt, ich vermute Sie in der Badewanne, mit dem einen großen Onkel dem anderen großen Onkel zuwinken.

In Japan nehmen sich Menschen das Leben, wenn Sie öffentlich zurechtgewiesen wurden. In Deutschland treten Sie bei Anne Will auf. Das hat was mit Schamgefühl zu tun. Einst verheizten Sie Steuergelder, heute helfen Sie Unternehmen, Menschen auszubeuten.

Sozialverträglich wäre es, wenn Sie auf der Stelle keine öffentlichen Auftritte mehr absolvieren würden. Und Ihr SPD-Parteibuch abgeben, Genosse Gerster!

Mit knappen Grüßen, Ihre Mely Kiyak.

Mely Kiyak ist freie Autorin.
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Dokument erstellt am 29.01.2010 um 13:07:02 Uhr
Letzte Änderung am 29.01.2010 um 19:39:56 Uhr
Erscheinungsdatum 29.01.2010 | Ausgabe: d
Kommentare
1. Fettauge Florian
Gerster gehört nun mal zur "Elite", was heutzutage heißt, daß man selbst nicht mehr arbeiten muß und nur davon lebt, andere Arbeitende halt noch mehr auszupressen und mit der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust erpressen. So wie Banker, Politiker, Manager das heute immer weiter perfektionieren. Der alte Witz vom Ruder-Achter veranschaulicht es: Drei rudern und fünf feuern die Ruderer an. Tendenz der Ruderer sinkend.... Aber das läuft nicht mehr allzu lange, da sich das System selbst zerstört.



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2. Keine Kultur
Gerster und Kumpane (Schröder, Fischer etc.) hat/haben halt eben keine Kultur wie die Japaner.
Oder erwarten Sie von Gerster etwa, dass er als Selbstmordattentäter zu Anne Will geht ?



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3. DRAUFHAUEN auf die SÄCKE!!
JAWOLL sehr geehrte mely kiyak! sie haben den nagel auf den kopf getroffen. so ekelhaft wie florian gerster sich gebärdete so tun es doch diese finzanzgeier doch auch!! aber selten findet jemand so TOLLE worte dafür wie sie!! glückwunsch zu dieser gelungenen kolumne hoffentlich erreicht sie den adressaten, vielleicht kann da mal jemand nachhelfen
grüsse und bewunderung



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4. gersterartikel
Dieser Kommentar trifft ins Schwarze.
Warum werden solch schamlose, gewissenslose Politiker zu Talkshows eingeladen?...
Da braucht es die Presse, um die Dinge zurecht zu rücken,



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5. Schock des Tages
Mely Kiyak :
"Sozialverträglich wäre es, wenn Sie auf der Stelle keine öffentlichen Auftritte mehr absolvieren würden. Und Ihr SPD-Parteibuch abgeben, Genosse Gerster!"

Das war für mich der Schock des Tages. Das jibbet doch nicht. Diesen Typen habe ich am Sonntag sonst wohin gewünscht. Der ist doch ganau so faschistoid angehaucht wie Sarazin (oder wie der heißt), iiih pfui.


Mely Kiyak ist freie Autorin und das ist gut so.



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