200 Millionen sind eine Macht. Derzeit sind 200 Millionen die Messlatte für Online-Communitys. Denn so viele Profile gibt es bei MySpace, dem wohl größten Freundeskreis der Welt. Für manche ist das riesige Netz genau deshalb schon dem Untergang geweiht.
Larry Sanger, Mitbegründer von Wikipedia, sieht schwarz für die Gemeinde, die jeden Tag mehr als 200.000 neue Mitglieder bekommt: "Mehr und mehr Menschen werden sich meiner Meinung anschließen, dass MySpace-artige Netzwerke nervtötend sind. Hoffe ich jedenfalls. Mit der Zeit werden viele solcher Seiten so groß, dass sie von "cool" auf "uncool" heruntergestuft werden."
So ähnlich hatte es zuvor auch US-Journalist Dave Itzkoff ausgedrückt: "Es wird der Moment kommen, in dem die MySpace-Pioniere merken, dass sie ihre Zeit damit verbringen, die selben bedenklichen Bilder anzuglotzen wie eine Armee von 14-Jährigen. Dann werden sie sehr schnell zum nächsten Trend wechseln – und wir kommen alle mit."
Herausforderung für Intellektuelle
Doch was kommt nach MySpace und den anderen Selbstdarstellungs-Plattformen? Zunächst einmal: noch mehr von der gleichen Sorte. Mit Hochdruck arbeitet etwa Yahoo an einer neuen Community, die den wenig erfolgreichen Vorgänger "360°" ablösen soll. "Mash" heißt das Projekt, und es hat einen Clou, der gleichzeitig ein Haken ist. Bei Mash kann jeder User ein Profil für jemand anderen anlegen und ihn dann einladen, dieses Profil auch zu benutzen. Dessen Einverständnis vorausgesetzt, kann er das Profil aber auch weiterhin verändern. Das Wiki-Prinzip in der Community führt dazu, dass jedes Teenager-Mädchen, das gerade Streit mit der besten Freundin hat, in deren Profil Dampf ablassen kann. Wer das irgendjemandem erlaubt, muss also ständig kontrollieren, was andere gerade in seinem Namen verbreiten. So will Yahoo den Erfolg praktisch erzwingen.
Dass es mit dem sehr erfolgreichen Facebook und seinem deutschen Klon StudiVZ oder dem Web.de-Ableger unddu.de und seit kurzem auch noch ThinkMTV mehr als genug Konkurrenz gibt, schreckt Yahoo nicht ab. Zu groß ist die Angst, den Anschluss zu verlieren, und die Jugend der Welt dazu.
Zur Person
Larry Sanger hat mit Jimmy Wales die Online-Enzyklopädie Wikipedia gegründet. Vor etwa einem Jahr hat er damit begonnen, "Citizendium" aufzubauen, eine Enzyklopädie, die nur von Experten, die ihren echten Namen veröffentlichen, erweitert werden kann.
Die Schwachstellen, die etwa die vollständig freie Online-Enzyklopädie Wikipedia unbestritten hat, würden eliminiert werden, weil die kommenden Netzwerke zwar "offen für jedermann, aber angeleitet von Experten sein werden." Den Anfang soll dabei sein eigenes Projekt "Citizendium" machen. Das allerdings hat nach genau einem Jahr nicht einmal 3000 Artikel. Zum Vergleich: Die englische Ausgabe von Wikipedia hat mehr als zwei Millionen.
Communitys mit Altersfalten
Wesentlich mehr los ist da schon bei anderen neuen Communitys: "Es sieht aus wie Facebook – mit Falten", schreibt eine US-Zeitung über Eons.com, wo sich Menschen im Rentenalter treffen und austauschen. Eons sammelt die Geschichten und Erinnerungen der älteren Generationen und bietet Spiele und Tools für Gehirntraining an.
Beta-Tester
Wer "Yahoo Mash" ausprobieren möchte, muss im zugehörigen Blog um eine Einladung bitten. Die kommt nach ein paar Tagen per E-Mail.
"Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, dass so etwas schon existiert", gibt Larry Sanger zu, "bis es mir neulich auf den Schreibtisch geflattert ist." Auch die dortige Art der Selbstdarstellung widerspricht seinen Erwartungen. Er hatte geglaubt, dass "man im Alter mehr darauf achtet, nicht in aller Öffentlichkeit einen Narren aus sich zu machen." Vielleicht ärgert es ihn aber auch nur ein bisschen, dass sich die Senioren so vergnügen, statt ihr Wissen und ihre Erfahrungen seiner Enzyklopädie zur Verfügung zu stellen.


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