stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Top-News
09. Februar 2010
Anzeigenmarkt | Zeitungsanzeige aufgeben | Abo-Angebote

In- & Ausland
Frankfurt & Hessen
Marktplatz
Verlagsservice
ANZEIGE
Die FR auch bei
Top-News

Vorwürfe (I)

Für die Kinder der Welt - aber nicht nur

VON JÖRG SCHINDLER

Im Spendenshop von Unicef kostet ein Moskitonetz sechs Euro. Auch für Einwegspritzen und Malaria-Tabletten verlangt das Kinderhilfswerk nicht die Welt. Für ein ganzes Nothilfepaket müssen Spender 50 Euro zahlen - mit etwas Glück kann ein Kind damit überleben. Jeder noch so kleine Betrag sei willkommen, heißt es auf der Internetseite von Unicef. "Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass jedes Kind ohne Hunger und Krankheit aufwachsen kann."

Das ist schön gesagt. Es gibt jedoch Hinweise, dass das Geld der Gutwilligen in den letzten Jahren auch noch für ganz andere Aufgaben genutzt wurde.

Ende Mai 2007 geht im Kieler Büro der Unicef-Vorsitzenden Heide Simonis ein anonymes Schreiben ein. In der Kölner Bundesgeschäftsstelle, heißt es darin, "werden in letzter Zeit Gelder in seltsamer Höhe ausgegeben". Auf dubiose Weise würden an so genannte Berater "wahre Geldgeschenke" verteilt.

In der Zentrale finde zudem ein "für viele nicht nachvollziehbarer Umbau" statt, dessen Kosten "den guten moralischen Geschmack weit übersteigen", so der unbekannte Absender. Verantwortlich für die seltsamen Machenschaften sei der langjährige Geschäftsführer Dietrich Garlichs, der im Hause Angst und Schrecken verbreite. Alle Hoffnung ruhe daher auf der "lieben Frau Simonis".

Die reagiert sofort. "Im ersten Moment habe ich gedacht, das ist eine frustrierte Seele", sagt Simonis heute. Die in dem Brief genannten Namen und Summen geben ihr jedoch zu denken. Einen Tag später alarmiert die seit zwei Jahren amtierende Unicef-Vorsitzende daher den geschäftsführenden Vorstand und regt eine Sondersitzung an. Zur Vorbereitung des Treffens am 18. Juni bittet der Vorstand Verwaltungschef Manfred Boos um die Zusendung relevanter Unterlagen. Und was Boos den Unicef-Spitzen wenig später auftischt, lässt nicht nur Simonis den Atem stocken.

Aus den Unterlagen, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, lässt sich, vorsichtig formuliert, ein überaus großzügiger Umgang von Unicef mit dem Geld von Spendern ablesen. So leistet sich das Kinderhilfswerk etwa seit August 2005 einen "freien Mitarbeiter", der zeitweise mindestens 16 000 Euro monatlich verdiente.

Bei dem Mitarbeiter handelt es sich um den früheren Bereichsleiter Mittelbeschaffung bei Unicef, Ulrich Z., der unmittelbar nach seiner Pensionierung mit verschiedenen Projekten beauftragt wurde. Der vereinbarte Tagessatz: zunächst 850, später 700 Euro. Allein bis Mai 2007 verdiente der viel beschäftigte Rentner auf diese Weise läppische 260.000 Euro. Plus Umsatzsteuer. "Dafür", sagt ein Unicef-Mitarbeiter, "hätte man mehrere Leute fest anstellen können."

Aber auch seither mochte Geschäftsführer Garlichs nicht auf die Dienste des "hervorragenden Mannes" verzichten: Z. ist von ihm persönlich damit beauftragt worden, den Umbau der Kölner Zentrale zu koordinieren. Der dauert bis heute an und brachte dem vielseitig einsetzbaren Mitarbeiter seit Juni weitere rund 20.000 Euro ein. Z., behauptet Garlichs, habe "viel Erfahrung in solchen Dingen".

Der Grund: Er habe, vor 16 Jahren, schon einmal einen Unicef-Umzug beaufsichtigt. Z.s fürstliches Gesamthonorar von annähernd 300.000 Euro stritt Garlichs gegenüber der FR glattweg ab. "Das ist Unsinn." Merkwürdig: Boos' Unterlagen sind in diesem Punkt eindeutig. Einen schriftlichen Vertrag mit Z., sagt Simonis, habe bislang allerdings noch kein Vorstandsmitglied gesehen. "Das alles fällt mir schwer zu erklären. Ich kann bis heute nicht sagen, woher dieses Geld fließt."

Es ist längst nicht die einzige seltsame Investition des Kinderhilfswerks, das sich ausschließlich durch private Spenden finanziert. Ausweislich der Unterlagen, die dem geschäftsführenden Unicef-Vorstand vorgelegt wurden, ist auch der Umbau der Kölner Zentrale nie offiziell beschlossen worden.

In den Vorstandsprotokollen findet sich lediglich eine Notiz aus dem Jahr 2005: Damals trug Garlichs die Idee vor, die im Haus liegenden Räume eines Masseurs zu kündigen, um "einige zusätzliche Büros und einen größeren Besprechungsraum" zu schaffen. Von einer vollständigen Renovierung der Geschäftsstelle oder gar einer Abstimmung darüber ist in den Unterlagen keine Rede.

Garlichs behauptete am Dienstag: "Natürlich gab es dazu einen Vorstandsbeschluss." Simonis dagegen sagt: "Wir waren nicht informiert." Eine Vorlage oder eine Beschlussfassung existierten ihres Wissens nach nicht. Gleichwohl rückten Ende 2006 die Bauarbeiter an, um mal eben das gesamte Haus auf Vordermann zu bringen. Veranschlagte Kosten bislang: 963.500 Euro - das satte Honorar von Ulrich Z. noch nicht mitgerechnet.

Spendabel zeigte sich die Geschäftsführung auch im Fall eines weiteren freien Mitarbeiters: Victor L. Auch er arbeitete bis Februar 2004 im Bereich Mittelbeschaffung - also genau dort, wo auch "Berater" Z. tätig war. L.s Zeitvertrag wurde seinerzeit nicht verlängert. Dafür wurde er anschließend sogleich beauftragt, auf Honorarbasis "verschiedene Projekte" zu betreuen. Für den Mann rechnete sich das durchaus: Bis Mai 2007 erhielt er 191.500 Euro - Geld, das direkt von Spendern stammt. Umgerechnet sind das gut 30.000 Moskitonetze.


1
2


Empfehlen via:    Twitter    Facebook    StudiVZ    MySpace
[ document info ]
Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 27.11.2007 um 17:44:02 Uhr
Letzte Änderung am 04.02.2008 um 08:23:25 Uhr
Erscheinungsdatum 28.11.2007
FR-online.de interaktiv


Alles - außer Englisch: Der neue EU-Kommissar Günther Oettinger braucht Ghostwriter. Wir haben sie.

Blog: Hebel macht Mittag
Hebel bloggt

Stephan Hebel, Mitglied der FR-Chefredaktion, über Ausreißer und Ausreden, Auf- und Abstiege in der politischen Arena

Aktueller Beitrag:
FR aufs Handy
Zum Handy-Angebot der Frankfurter Rundschau

Ob Büro, Biergarten oder Badesee: Die FR ist auf dem Handy immer dabei.

Pfeil-SymbolZum mobilen Angebot
Deutschlandwetter




Copyright © 2010 Frankfurter Rundschau
Startseite | Anzeigenmarkt | Hilfe | Politik | Wirtschaft | Frankfurt | Hessen
Sport | Fotostrecken | Kultur | Medien | Blogs | Auto
Reise | Videos | Spiele | Stellenmarkt | Kfz-Markt | Immobilien
Datenschutzerklärung | Abo-Service | Mediadaten | Kontakt | Impressum | Sitemap
realisiert von evolver media®